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AKTUELL Unwohlsein: Fragen sie Dr. E. Mail
Von Harro Albrecht
Wie gut ist das Internet als Ratgeber für medizinische Fragen? Die amerikanische Ärzteorganisation widmet eine Sondernummer ihres Verbandsblattes dem virtuellen Krankenzimmer Internet.
Wie eine Schaerpe zieht sich eine Spur Bläschen quer über die Brust bis hin zum Rücken. Der Patient hat einen üblen Ausschlag und heftige Schmerzen dazu. Zu seinem Hausarzt mag der Mann nicht gehen, also sucht er Rat im Internet. 58 medizinische Homepages rund um den Globus konsultiert der Geplagte, und jedesmal hinterläßt er eine E-Mail mit der Bitte um Rat. Detailliert schildert der Netzpatient seine Symptome, und nur der Vollständigkeit halber erwähnt er auch, daß er kürzlich eine Niere transplantiert bekommen habe und Medikamente schlucke, die das Immunsystem unterdrückten. "Da hätten bei allen angeschriebenen Ärzten die Warnleuchten angehen müssen", sagt der Dermatologe Gunther Eysenbach, "denn bei der Erkrankungen handelt sich um eine Gürtelrose, die bei immunsuprimierten Patienten unbehandelt tödlich enden kann." Doch der Fall konnte nicht eintreten, denn Eysenbach und sein Kollege Thomas Diepgen von der Universität Erlangen hatten sich den Hilfesuchenden nur ausgedacht. Mit dem Dummy-Kandidaten wollten sie die Zuverlässigkeit medizinischer Informationen auf dem Internet prüfen. Denn im Netz fahnden keineswegs nur gesunde Hypochonder nach Infos aller Art. "Bei uns haben sich innerhalb von vier Monaten 208 Patienten per E-Mail gemeldet", sagt der Dermatologe Eysenbach, "das waren vor allem chronisch Kranke, die nach Informationen suchten." Die rege Nachfrage stellt Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte vor völlig neue Probleme. Zwar dürfen sie nach deutschem Berufsrecht keine Ferndiagnose stellen - "die kämen in Teufels Küche" (Eysenbach) -, aber trotzdem möchten die Mediziner den Patienten unter die Arme greifen. Schon deshalb, weil sich viele Probleme relativ schnell klären ließen und dadurch enorme Kosten gespart werden könnten. In anderen Ländern sind die Bestimmungen nicht so rigide, und deshalb finden Ratsuchende über die nationsblinden Datenleitungen auch leicht woanders Hilfe. Einer anderen Studie aus der JAMA-Sondernummmer zufolge stammen 15 Prozent der Anfragen in den USA aus dem Ausland - so wie die des fiktiven Erlangener Patienten: Von den 58 Spezialisten, berichten die Autoren in der neuesten Ausgabe des Fachblatts "Journal of the American Medical Association" (JAMA), antwortete die Hälfte; davon lehnte ein Drittel eine Ferndiagnose ab, und fast alle Angeschriebenen (93 Prozent) rieten, einen Doktor aufzusuchen. 59 Prozent erwähnten aber in ihrem Antwortschreiben die richtige Diagnose. Fünf Anbieter von medizinischen Auskünften gingen noch einen problematischen Schritt weiter. Sie retournierten einen kompletten Behandlungsplan: "In diesen Fällen wären die Patienten unter Umständen gar nicht mehr zum Arzt gegangen", entrüstet sich Eysenbach über das allzu großzügige Entgegenkommen der digitalen Berater. Tom Ferguson, amerikanischer Arzt und Konsumentenanwalt, sieht einen Ausweg aus dem Dilemma der anonymen Netz-Beratungen: Er fordert in JAMA mehr direkten E-Mail-Kontakt zwischen Patient und seinem Hausarzt: "E-Mail ist das Kommunikationsmittel zwischen Geschäftsleuten, Freunden und Familienmitgliedern geworden. Es ist also nicht überraschend, daß Patienten, die mit dem Internet umgehen können, einen stärkeren digitalen Kontakt mit ihrem Arzt wünschen." Das Problem, so Ferguson, liege derzeit noch in der Technikmüdikeit der Mediziner, "nur ein bis zwei Prozent bieten diese Möglichkeit an." Dabei dauert das Lesen und Beantworten mit einem allgemeinen Rat, so JAMA-Autor Stephen Borowitz von der University of Virginia, nur vier Minuten. SPIEGEL ONLINE 43/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags |