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Mittwoch, 23. Februar 2000 |
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Surfen, bis der Arzt kommt
Online-Sprechstunden erfreuen sich bei den Patienten immer größerer Beliebtheit, im Internet tummel sich aber auch unseriöse Anbieter
Der Zugriff auf einen riesigen Informationspool von medizinischen Fragestellungen via Internet wird das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig verändern. Berichte über Krankheiten, Hinweise zu Therapien, Studien über Erfolgsaussichten von Behandlungsmethoden, aktuelle Forschungsergebnisse, Anschriften von Selbsthilfegruppen alles das können sich Patienten heute aus dem Netz zusammensuchen. Vor allem chronisch Kranke und deren Angehörige decken ihren medizinischen lnformationsbedarf über das Internet.
Dass dieses als erste Anlaufstelle bei medizinischen Problemen immer beliebter wird, zeigt eine Studie des New Yorker Marktforschungsinstituts Cyber Dialogue (www.cyberdialog.com). Danach rangieren Abrufe von Gesundheitsinfos an dritter Stelle in der Beliebtheitsskala amerikanischer Netz-Nutzer. Auf dem ersten Platz landete das Online-Shopping, auf Platz zwei das Lesen von Nachrichten. Zwischen 1997 und 1998 suchten 17 Millionen Amerikaner nach medizinischen Inhalten, in diesem Jahr sollen es den Prognosen zufolge schon 30 Millionen sein.
Suche nach zweiter Meinung
Rund 70 Prozent der amerikanischen Ärzte haben bereits Patienten, die mit Infos aus dem Web ins Sprechzimmer kommen. So eine Studie des kalifornischen Institute for the Future (www.iftf.org/html/researchareas/healthcare.html). Warum Patienten in Deutschland immer öfter das Internet konsultieren, hat der Mediziner Gunther Eysenbach von der Forschungsgruppe Cybermedizin am Institut für Klinische Sozialmedizin der Universitätsklinik Heidelberg untersucht. Die Mehrzahl der Patienten (81 Prozent) leidet demnach unter chronischen Erkrankungen und sucht im Internet nach einer "zweiten Meinung". Ein hoher Anteil der Patienten äußert eine gewisse Frustration über den bisherigen Behandlungsverlauf oder über die beteiligten Ärzte.
Prinzipiell glaubt Eysenbach, dass die Chancen des Internet bei der Gesundheitsaufklärung und Gesundheitsförderung die Risiken des Internet bei weitem übertreffen. "Aber das Medium muss richtig genutzt werden sowohl von Ärzten als auch von Patienten. Die variable Qualität der im Internet angebotenen Informationen muss im Hinterkopf behalten werden." Nach seinen Schätzungen hat der Internet-Nutzer derzeit Zugang zu mindestens 100 000 Websites auf dem Gesundheitssektor. Diese Zahl erhöhe sich stetig. Etwa ein Drittel davon müsse als unqualifiziert und unseriös bezeichnet werden. Im Rahmen eines europäischen Projekts wird seine Forschungsgruppe Cybermedizin demnächst ein europäisches Bewertungssystem (Platform for Medical Internet Content Selection) einführen (http://medpics.org). "Zum Patientenschutz sind Qualitätskontrollen und Filter-Systeme für Medizininformationen dringend erforderlich."
Trotzdem könne das Internet insbesondere bei Fragen nach chronischen Krankheiten und bei der Suche nach Leidensgenossen und Selbsthilfegruppen nützliche Dienste leisten. Bei der Recherche nach neueren Forschungsergebnissen sind aus seiner Sicht jedoch eine gewisse Erfahrung und meist auch Englischkenntnisse notwendig, "ansonsten landet man leicht auf Seiten, die einen wissenschaftlichen Durchbruch verkünden, aber in Wahrheit Werbeangebote ominöser Gesundheitsprodukte sind." Gunther Eysenbach: "Besondere Vorsicht ist bei Krankheiten mit hohem Leidensdruck, wie Krebs, Aids, Arthritis, sowie bei Diätprodukten geboten hier tummeln sich im Internet besonders viele Geschäftemacher und Abzocker, die die Verzweiflung und Frustration chronisch und unheilbar kranker Patienten ausnutzen."
Unterschiedliche Rechtslage
Weitere informative Tipps für den Umgang mit Gesundheitsinfos aus dem Internet gibt Eysenbach unter www.yi.com/home/EysenbachGunther/faq.htm. Nicht wenige Patienten versuchen, im Internet Experten zu finden, die ihnen Fragen beantworten können. Er selbst bekommt täglich ein bis zwei Patientenanfragen. Einige Patienten scheinen eine kostenlose Auskunft zu erwarten, "wobei ich mir immer die Frage stelle, ob dieselben Patienten beispielsweise auch Rechtsanwälte, Unternehmensberater und Computerfachleute per E-Mail anschreiben und kostenlose Auskünfte erwarten." Ganz abgesehen davon sei vielen Patienten auch nicht klar, dass die deutsche Berufsordnung für Ärzte eindeutig die Beratung von Patienten, die man persönlich nicht kennt, verbiete. "Ärzte, die medizinischen Rat per Bezahlung im Internet anbieten oder auch nur unaufgefordert eingegangene Anfragen von Patienten beantworten, können somit in Teufels Küche kommen." In den USA und anderen Ländern ist die Rechtslage anders, dort gibt es bereits eine ganze Reihe von Cyberdoc-Diensten. Gunther Eysenbach selbst hat diese Dienste getestet und seine Erlebnisse in der Fachzeitschrift Lancet* beschrieben.
Er stellte sich als Patient vor und beschrieb einen fiktiven Fall: Nach einer Nierentransplantation nehme er Cyclosporin und habe nun einen gürtelförmigen bläschenartigen Hautausschlag auf der Brust solle er zum Arzt gehen? "Selbstverständlich handelte es sich hierbei um einen lehrbuchhaften Fall von Herpes Zoster, im Volksmund Gürtelrose genannt, der bei einer immunsuppressiven Therapie unverzüglich mit Aciclovir behandelt werden sollte."
Binnen acht Stunden antworteten zehn Cyberdocs: Drei gaben keine Auskunft mit der Begründung, die Dermatologie sei nicht ihr Fachgebiet. Fünf der allesamt in den USA angesiedelten Internet-Therapeuten stellten die richtige Diagnose. Zwei andere allerdings gaben Ratschläge, die den Patienten beinahe das Leben gekostet hätten. So schrieb einer, die Bläschen seien harmlos und würden nach Einnahme des homöopathischen Mittels Apis 30D und von Vitamin C verschwinden. Für den Rat kassierte er 25 Dollar. Ein anderer selbsternannter Ernährungsberater erteilte einen anderen kostenlosen Rat: Der Patient solle auf eine ungespritzte Wiese gehen, Löwenzahn und Klee pflücken und diesen als Salat zubereiten. Außerdem solle der Patient einen Apfel essen, falls er an Verstopfung leide, und Regenwasser trinken. Gunther Eysenbachs Fazit: "Patienten wird derzeit generell abgeraten, solche Cyberdoc-Dienste im Internet in Anspruch zu nehmen, insbesondere wenn es sich um eine diagnostische Frage handelt."
Werbung statt Heilung
Anders sehe es aus, wenn es sich um eine reine Wissensfrage handelt, die man auch in der Bibliothek recherchieren könnte. Wie kann man als Patient unseriöse Webseiten erkennen? Gunther Eysenbach: "Internet-Angebote, die seriös daherkommen, müssen nicht immer seriös sein." Es gebe eine ganze Reihe von Hinweise für eindeutig unseriöse Unternehmen: Websites, bei denen keine Kontaktadresse oder Autorenname angegeben wird, sind prinzipiell mit Vorsicht zu genießen. Hinzu kommt oft eine aggressive Werbesprache wie hundertprozentige-Erfolgsrate, Geld-zurück-Garantie, sensationelle Ergebnisse, Einführungspreise oder nur noch wenige Wochen verfügbar. Vorsicht auch bei bestimmten Phrasen wie "wissenschaftlicher Durchbruch", "Wunderheilung", "exklusives Produkt", "Geheimformel", "Vitaminpräparate" oder "XY-Extrakt". "Rattengift ist übrigens auch ein natürliches Produkt", meint der Mediziner. Verdächtig sind extensive pseudo-medizinische Terminologien, obwohl die Informationen für Konsumenten gedacht sind (Verschleierungstaktik) und das Fehlen jeglicher Hinweise auf wissenschaftliche Evidenz, insbesondere keine Literaturhinweise auf sogenannte randomisierte klinisch-kontrollierte Studien. "Testimonies" (Zitate von zufriedenen und begeisterten Kunden) und Fallbeschreibungen sind prinzipiell unwissenschaftlich die Wirksamkeit eines Präparates zeigt sich immer nur in kontrollierten randomisierten Studien, in denen der Placebo-Effekt abgezogen wird. Argwohn ist am Platze, wenn sich "medizinische Kapazitäten, Koryphäen und Professoren" äußern: Zumindest in Deutschland wird sich kein echter Arzt in einer Werbeanzeige für ein Produkt einsetzen er würde damit bereits gegen seine Berufsordnung verstoßen.
Nichts zu halten ist von einer undifferenzierten Darstellung des Krankheitsbildes und des Wirkumsspektrums einer Substanz. Das würde bedeuten, dass die Methode angeblich bei allen Patienten aller Alterstufen und aller Krankheitsausprägungen gleich gut wirkt "und das gibt es in der Medizin so gut wie nie". In der Medizin gebe es niemals universal wirksame Substanzen, die alles von Allergien bis Zahnfleischbluten heilen. "Geben Sie den Namen des Produkts in eine Suchmaschine ein, und schauen Sie nach, was andere zu diesem Produkt sagen", rät Gunther Eysenbach.
Dieter Thierbach
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* Anmerkung von G.E.: Im Original SZ-Artikel wurde irrtümlich geschrieben, daß der "Cyberdoc-Test" in einem Artikel in der Fachzeitschrift Periskop publiziert wurde. In obigem Text habe ich Periskop durch Lancet ersetzt, denn obwohl es richtig ist, daß in dieser Zeitschrift der Test nochmals auf deutsch beschrieben wurde, wurde der Original-Beitrag in einem Research-Letter in Lancet 1998; 352 (9139): 1526 beschrieben (siehe Publikationene).