Mit der zunehmenden Verbreitung des Internet suchen immer mehr Patienten in dem weltweiten Datennetz nach medizinischen
Fachinformationen - ein vielversprechender "Markt" mit hohem Wirtschaftspotenzial. So wundert es nicht, das immer mehr
Investoren in dieses "Geschäft" des Patientenservice einsteigen.
Dabei positionieren sich die Anbieter so genannter Gesundheitsportale in drei Bereichen. Allen gemeinsam ist der Ansatz, dem
Patienten ein populär aufbereitetes redaktionelles Angebot zum Thema Gesundheit in Form elektronischer Nachschlagewerke
anzubieten. Das umfasst in der Regel die bekanntesten Krankheiten - auch der Zähne. Darüber hinaus bieten mehrere Anbieter
eine Suchabfrage zur Lokalisierung von niedergelassenen Zahnärzten und Ärzten. Einzelne setzen hierbei zusätzlich zum
Internet auch Callcenter ein.
Ein drittes Aktionsfeld diverser Gesundheitsportale stellt die direkte Information durch Zahnärzte und Ärzte über E-Mail
dar. Auch hier werden neben dem Internet Callcenter eingesetzt, um Patienten anzusprechen. Der Internet-Zahnarzt darf
allerdings berufsrechtlich keine Diagnose erteilen, sondern nur sehr allgemeine Informationen bezüglich einer Anfrage
zurücksenden.
Aus Sicht der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg müssen solche Aktivitäten nicht nur im Hinblick auf das geltende
Berufsrecht unter verschiedenen Gesichtspunkten äußerst kritisch betrachtet werden, sondern auch im Hinblick auf die
Qualität der erteilten zahnmedizinischen Informationen.
Schließlich bieten die zahnärztlichen Körperschaften in Baden-Württemberg aus der Kompetenz des Berufsstandes heraus
umfassende Beratungsleistungen für Patienten an, die auch im Internet (www.zahn-forum.de) kommuniziert werden.
Hinzu kommen auf Bundesebene reine Internet-Informationsangebote für Patienten wie der gemeinsame Dienst Zahninfo
(www.zahninfo.de) der BZÄK und KZBV.
Mit dem Thema der Qualität von medizinischen Fachinformationen hat sich in Baden-Württemberg der Mediziner
Dr. Gunther Eysenbach,Leiter der Forschungsgruppe Cyber-Medizin am Institut für Sozialmedizin der Universität Heidelberg,
befasst, der als führender Experte für Internet und Patienteninformationen in Deutschland gilt.
Nach der Definition von Dr. Eysenbach ist "Cyber-Medizin" eine neue wissenschaftliche Disziplin, die zwischen
Medizininformatik und Public Health angesiedelt ist. Was die Telemedizin für die klinische (kurative) Medizin ist, ist in
etwa die Cyber-Medizin für Public Health (präventive Medizin). Aufgabe des Cyber-Mediziners ist es, das Internet für
Gesundheitsförderung sowie evidenzbasierte Medizin nutzbar zu machen bzw. Chancen und Gefahren zu evaluieren und öffentlich
zu machen.
Warum Patienten immer öfter das Internet konsultieren, hat Dr. Eysenbach in einer Studie untersucht. Die Mehrzahl der
Patienten (81%) hat demnach chronische Erkrankungen und sucht im Internet nach einer Art "zweiten Meinung". Ein hoher Anteil
der Patienten äußert eine gewisse Frustration über den bisherigen Behandlungsverlauf oder über ihren behandelnden Arzt.
Zusammenfassend liegen die Gründe in
Frustration und Unzufriedenheit über ausbleibende Behandlungserfolge (im Zeitalter der "High-Tech-Medizin" werde dies von
vielen Patienten nicht akzeptiert). Ein weiteres Stichwort ist
Vertrauensverlust - insbesondere unter dem Kostendruck im Gesundheitswesen sind immer mehr Patienten besorgt, ob sie auch
wirklich eine optimale Behandlung erhalten. Hinzu komme
mangelnde Aufklärung durch den Arzt sowie eine gestiegene Allgemeinbildung der Patienten.
Der Sozialmediziner ist der Ansicht, dass die Chancen des Internets für Gesundheitsaufklärung und Gesundheitsförderung die
"Risiken des Internet" bei weitem übertreffen. Aber das Medium müsste richtig genutzt werden - sowohl von Ärzten als auch
von Patienten. Sinnvoll sei eine ausgewogene, objektive Patientenaufklärung von anerkannten Standesorganisationen,
Institutionen und Non-Profit-Selbsthilfe-Gruppen.
Nach den Studien der Heidelberger Forschungsgruppe versuchen zunehmend mehr Patienten vermeintliche Experten im Internet zu
finden, die ihnen Fragen beantworten können. Dr. Eysenbach erhält täglich selbst ein bis zwei Patientenanfragen. Vielen
Patienten sollte dabei klar sein, dass die deutsche Berufsordnung für Zahnärzte und Ärzte eindeutig die Beratung von
Patienten, die man persönlich nicht kennt, verbietet. Zahnärzte und Ärzte, die medizinischen Rat per Bezahlung im Internet
anbieten oder auch nur unaufgefordert eingegangene Anfragen von Patienten beantworten, kommen mit der Gesetzgebung in
Konflikt.
Wenn ein Patient plötzlich mit Internet-Ausdrucken vor seinem Zahnarzt steht, sollte der - nach Dr. Eysenbach - mit
psychologischem Geschick darauf eingehen. Viele Medizinerkollegen, insbesondere der älteren Generation, seien es gewohnt,
die Führungsrolle inne zu haben und sehen das traditionelle Arzt-Patienten-Verhältnis auf den Kopf gestellt, wenn der
"überinformierte" Patient plötzlich meint, alles besser zu wissen. Hinzu komme eine Unvertrautheit mit dem Medium Internet -
ein Großteil der Mediziner habe noch nie im Internet "gesurft" und kenne nur die Berichte aus den Massenmedien über dubiose
Qualität von medizinischer Information im weltweiten Datennetz. An diese veränderte Arzt-Patienten-Beziehung müssten sich
beide Seiten erst einmal gewöhnen.
Nach Sicht des Heidelberger Sozialmediziners müssten Zahnärzte und Ärzte vermehrt mit eigenen Informationsangeboten im
Internet präsent sein, "um das Feld nicht völlig den Kurpfuschern zu überlassen". Bisher geschehe das noch zu zögerlich.
Hier müsste man auch bei der Medizinerausbildung ansetzen, was in Heidelberg bereits geschehe, indem im Kurs Sozialmedizin
die jungen Medizinstudenten bereits im ersten Semenster an das Thema herangeführt werden.
Was nach Meinung des Wissenschaftlers in Deutschland fehlt, ist eine Art "Zentrum der Internet-Medizin". Das will Dr.
Eysenbach an der Universität Heidelberg aufbauen, und dieses soll auch als "Klärungsstelle" zur Bewertung medizinischer
Information im Internet dienen. Gleichzeitig soll das Zentrum als Anlaufpunkt für im Internet surfende Patienten mit
Fragebedarf zur Verfügung stehen. Ferner arbeitet die Forschungsgruppe an einer Art Qualitätssiegel für medizinische
Web-Seiten, das beispielsweise aus den zahnärztlichen und ärztlichen Standesorganisationen heraus vergeben werden könnte.
Die Möglichkeiten der "Cyber-Medizin" werden in Deutschland durch das Berufsrecht für Zahnärzte und Ärzte in einen Rahmen
gefasst, der unseriöse Online-Diagnosen und ähnliche Auswüchse nicht zulässt.
Die medizinischen Patientenservices der im Internet gestarteten deutschsprachigen Gesundheitsportale müssen sich bei der
Informationserteilung per E-Mail oder Callcenter im Rahmen der geltenden Gesetze bewegen. Die Marktführer (siehe Kasten)
greifen populäre Medizinthemen in der Art von bunten Zeitschriften und der geläufigen "Familien-Lexika Gesundheit" auf. Über
dieses Informationsangebot im Internet hinausgehende Geschäftsmodelle der deutschen Gesundheitsportale befinden sich
allesamt noch in der Startphase.
Die Patienten werden sich auf solchen Internet-Seiten in Zukunft vermutlich vermehrt mit medizinischem (Halb)Wissen
versorgen und ihren behandelnden Zahnarzt oder Arzt damit konfrontieren. Denn eines muss klar konstatiert werden: Diese
Gesundheitsportale verzeichnen bereits heute außerordentlich hohe Zugriffszahlen. Nach Untersuchungen von Dr. Eysenbach ist
cirka jeder zwanzigste Internet-Nutzer auf der Suche nach medizinischen Fachinformationen. Entwicklungen wie in den USA, wo
"Ferndiagnosen" per Internet erlaubt sind, müssen in Deutschland gegenwärtig nicht befürchtet werden.
Welche Konsequenzen solche "Online-Diagnosen" nach US-Vorbild für den Patienten haben können, hat das Team von Dr. Eysenbach
in einem "Wallraffschen" Selbstversuch getestet. Weil es die Qualität von medizinischen Ratgebern im internationalen
Internet testen wollte, schickte es eine E-Mail an weltweit 57 Internet-Adressen, unter denen hautärztliche Hilfe
versprochen wurde. In einem elektronischen Brief ließen sie einen fiktiven 55-jährigen Patienten namens Peter berichten,
dass er plötzlich eine Reihe schmerzhafter roter Bläschen auf der Brust festgestellt habe. Außerdem klagte er über Fieber
und Kopfschmerzen und berichtete, dass er vor einiger Zeit eine neue Niere erhalten habe und demzufolge Medikamente
einnehme, welche das Immunsystem dämpfen. Abschließend fragte er, ob die Sache gefährlich sei und was man dagegen tun könne.
Bei jedem Hautarzt hätten nach Peters E-Mail nun alle Glocken läuten müssen. Doch nur jeder zweite Internet-Ratgeber gab
Antwort. Davon wiederum erkannten nur cirka 60 Prozent die Gefahr einer schweren Infektion mit dem Gürtelrose-Virus Herpes
Zoster. Allerdings musste der erfundene Peter auch auf diese richtigen Antworten noch ein bis zwei Tage warten - bis dahin
hätte er längst tot sein können.
Michael Handrick