Quelle:

Eysenbach, G.: Dahinleben im Neurochip. Ein erkenntnistheoretischer Disput aus der Sicht eines Patienten mit neurobionischer Schizophrenie. c't 1/94

© Gunther Eysenbach 1994, © Heise-Verlag 1994

Vervielfältigung ohne Erlaubnis des Autors nicht gestattet. Bei Zitaten bitte o.g. Quelle angeben.
Visitor:

homebutton back to home page of G.E.


Die Arme und Beine werden mir seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles wird brechen und welken, und ich werde tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre so dahinleben und -sterben.

Robert Walser (aus: "Jakob von Gunten"),
20 Jahre vor der Erstmanifestation seiner schizophrenen Psychose.


Dahinleben im Neurochip

Ein erkenntnistheorischer Disput aus der Sicht eines Patienten mit neurobionischer Schizophrenie

von Gunther Eysenbach

Daß der Tag irgendwie blöd laufen würde, ahnte ich eigentlich schon beim Frühstück. Statt Musik hörte ich Stimmen aus dem Radio plärren; es handelte sich wohl um die Übertragung einer politischen Debatte. Ich wußte ja, der Tag würde blöd laufen, sagte meine innere Stimme zu mir. Unsinn, antwortete ich ebenso laut wie entschieden, schüttete Milch auf mein morgendliches Müsli und drückte trotzig auf eine Taste der Fernbedienung, um den Titel der Sendung abzufragen. Das Interaktivmodul des Radios generierte eine freundliche Frauenstimme, die mir den Titel der Sendung mitteilte. "Erste Sitzung der Enquete-Kommision zur Verabschiedung des Neurobionik-Gesetzes: Debatte um mögliche Nebenwirkungen von Neuroprothesen". Das Wort "Neuroprothese" löste bei mir stets ungute Gefühle aus, und auch diesmal wurden die Hände feucht und das Herz begann zu klopfen. Ein wenig Milch landete abseits des Tellerrandes. Ein Feuerwerk von Assoziationen begann sich zu entzünden, ich spürte auf einmal wieder den Geruch von Desinfektionsmitteln in meiner Nase und die Krawatte um meinen Hals fühlte sich an wie ein Beatmungstubus in meiner Trachea. Seltsam, wie lebendig die Erinnerung noch war, dabei war der Unfall jetzt schon mehr als fünf Jahre her. Die kleine Narbe am Rücken über der Brustwirbelsäule begann ein wenig zu jucken. Ich öffnete rasch den obersten Knopf meines Hemdes, und versuchte, mich wieder auf mein Müsli zu konzentrieren. Mach doch das Radio einfach aus, riet mir meine innere Stimme, aber ich folgte ihr nicht.

Die Sitzung, so informierte mich die Computerstimme des Radio-Data-Systems weiter, wurde geleitet von dem Hirnchirurg und Facharzt für Neuroprothetik Prof. Both, der erste Mensch übrigens, der einen Neurochip in das zerstörte Rückenmark eines Querschnittsgelähmten implantiert hatte. Ich kannte ihn - naja, kennen wäre vielleicht übertrieben, jedenfalls hatte ich damals, nach meinem Autounfall, das Glück gehabt, in seine begnadeten Chirurgenfinger zu geraten und somit in den Genuß der damals hochinnovativen Therapie zu kommen.

Die Computerstimme zählte noch die anderen anwesenden Sachverständigen auf - es waren durchweg Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen: Neurobioniker, Neuroinformatiker, Mathematiker und Chaosforscher, ein Professor für kybernetische Pathologie und sogar ein Philosophie-Professor. Ich überlegte kurz, ob ich statt des Radios nicht doch lieber das Videoterminal anschalten sollte, entschied mich aber dann doch für die Radiosendung.

Nachdem die Computerstimme den Infotext zur Sendung aufgesagt hatte, blendete sich das Radio in die laufende Debatte ein,

Aus dem Lautsprecher klang ein Räuspern.

"...um die soeben vorgestellten Daten zusammenzufassen: Was uns speziell beunruhigt, sind vereinzelte Berichte aus Ärztekreisen, die einen Zusammenhang zwischen vorangegangener neuroprothetischer Behandlung und einer Diagnose der Schizophrenie vermuten lassen. Diese mögliche Korrelation wird gegenwärtig im Rahmen einiger retrospektiver Studien überprüft. Wir können noch keine endgültigen Aussagen machen, aber erste Ergebnisse scheinen diesen Zusammenhang zu bestätigen. In Medizinerkreisen wird bereits der Begriff neurobionische Schizophrenie oder post-neuroprothetische Psychose verwendet."

"Kurzweil!" rief ich. Dies hatte nichts damit zu tun, daß mich die Sendung langweilte - ganz im Gegenteil. Vielmehr hatte ich sämtliche Spracherkennungsmodule meines Haushalts nach Pionieren der KI-Forschung getauft; so hörte etwa mein Telekommunikationsmodul auf den Namen "Marvin", die Kaffeemaschine auf den Namen "Turing", Weizenbaum lebte im Interaktivmodul des Pflanzenbewässerungscomputers weiter und "Kurzweil" war eben das Stichwort, auf das das Interaktivmodul meines Radiocomputers trainiert worden war.

"Eingabebereit" meldete der Voice-Prompt des Interaktivmoduls, und unterbrach gleichzeitig die laufende Sendung. "Bitte enzyklopädische Information zu Schizophrenie" sagte ich müslikauend, und wunderte mich gleichzeitig, daß Kurzweil mich auch mit vollem Mund verstand.

"Schizophrenie läßt sich am besten mit dem Begriff 'Persönlichkeitsspaltung' charakterisieren." begann die computergenerierte Frauenstimme nach einer Verzögerung von einigen wenigen Millisekunden, in denen der Radiocomputer Verbindung mit der Wissensbasis des Zentralcomputers aufgenommen und sich über Schizophrenie schlaugemacht hatte. "Im Vordergrund der Symptomatik stehen vor allem Ich-Erlebensstörungen, aber auch Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen, visuelle oder akustische Halluzinationen. Zu den Wahnvorstellungen können zum Beispiel Verfolgungswahn gehören. Während eines schizophrenen Schubs kommt es zu einer massiven Ichstörung, das heißt die Patienten hören etwa dialogische oder kommentierende Stimmen, berichten von Gedankeneingebungen einer fremden Macht, klagen über 'Gedankenentzug' oder 'Willensbeeinflussung'. Oftmals sind die Patienten suizidgefährdet, da fremde Stimmen ihnen beispielsweise befehlen, sich umzubringen..."

"Abbrechen!" rief ich. Das interaktive Radio gehorchte sofort und blendete sich wieder in die Debatte ein.

"Danke für Ihre Ausführungen, Prof. Fried." Der Vorsitzende schien das Wort ergriffen zu haben. "Vielleicht noch einige Anmerkungen zum neuroprothetischen Eingriff, von dem vorhin die Rede war. Es sollte hier erwähnt werden, daß es sich um die sogenannten 'Neuroprothesen der zweiten Generation' handelt, also stark miniaturisierte neuronale Netze in Form eines Neurochips. Die häufigste Indikation für die Implantierung dieser Neurochips ist eine Zerstörung des Rückenmarks mit einer nachfolgenden Para- oder Tetraplegie. Da das Rückenmark bekanntlich nicht einfach ein 'Kabelstrang' ist, sondern ein Teil des zentralen Nervensystems mit einer Vielzahl von Neuronen, die wichtige Verrechnungsaufgaben zu erfüllen haben, müssen wir es mit einem neuronalen Netz ersetzen. Zum Prinzip des Eingriffs: Der Neurochip ist innerhalb einer Neurotransplantationskammer in fötales Nervengewebe eingebettet; dieses regenerationsfähige fötale Gewebe expandiert und verbindet die noch erhaltenen Nerven des Patienten mit den Chipelektroden, welche zuvor mit hormonellen Lockstoffen präpariert wurden. Welcher Nerv an welche Elektrode gelangt, ist nicht vorhersehbar und hängt letztendlich vom Zufall ab. Daher ist der Neurochip auch in keinster Weise vorprogrammiert, sondern er muß sich in der Phase der Neurorehabilitation sozusagen selbst programmieren, indem das neuronale Netz auf die neuen Aufgaben trainiert wird. Auch das Gehirn muß erst wieder lernen, die veränderte Topologie sensorischer Reize neu zuzuordnen. Wir setzen diese Art von Neuroprothesen jetzt seit sechs Jahren ein, mit hervorragenden Ergebnissen. Die Patienten lernen in 90% der Fälle wieder zu laufen, und in den meisten Fällen werden auch die sensiblen Funktionen fast vollständig wiederhergestellt."

"Herr Vorsitzender." Eine männliche Stimme unterbrach den Redner; ich meinte die Stimme des Psychiaters zu erkennen. "Ihre Operationsresultate in allen Ehren, nur leider scheinen die Patienten den Eingriff körperlich besser wegzustecken als psychisch - zumindest wenn man den Berichten von erhöhter Prävalenz einer schizophrenen Psychose bei diesen Patienten Glauben schenkt. Wir haben uns natürlich Gedanken über die mögliche Psychopathogenese gemacht. Ein mögliches Erklärungsmodell besteht darin, daß die Patienten Schwierigkeiten damit haben könnten, den Neurochip als neuen Teil ihres Körpers zu akzeptieren. Andererseits benötigen sie das Implantat. In diesem Aversions-Affinitäts-Konflikt könnte es durchaus zur Ausbildung von schizoiden Verhaltensweisen kommen. Es gibt allerdings noch ein zweites Erklärungsmodell, das wesentlich beunruhigender ist...".

Er zögerte kurz, seinen Verdacht auszusprechen. Dann räusperte er sich erneut, und fuhr mit eindringlicher Stimme fort.

"Wir müssen auch in Erwägung ziehen, daß die Persönlichkeitsspaltung nicht auf einen psychischen Verdrängungsmechanismus zurückzuführen ist, sondern tatsächlich existiert - daß sich also im Neurochip ein neues, zweites Bewußtsein ausbildet, welches mit dem Original-Bewußtsein des Gehirn koexistiert."

Ich meinte eine kurze Unruhe im Sitzungssaal vernehmen zu können.

"Wir sollten also vielleicht nicht von einer Persönlichkeitsspaltung, sondern von einer Persönlichkeitsverdopplung sprechen." fuhr der Psychiater fort.

Ein Philosophieprofessor meldete sich zu Wort.

"Entschuldigen Sie, aber Ihre Theorie erscheint mir doch sehr weit hergeholt. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, gehen Sie davon aus, daß unbelebte Materie wie ein Neurochip zum Träger eines Bewußtseins, einer Seele, eines menschlichen Geistes werden kann. Wollen Sie im Ernst unbelebter Materie die Möglichkeit zur Bildung eines Bewußtseins einräumen? Glauben Sie wirklich, Sie könnten den menschlichen Geist von seinem biologischen Träger abkoppeln und auf einem Neurochip laufen lassen? Glauben Sie nicht, daß dies eine etwas materialistisch-mechanistische Vorstellung ist?".

"Ich gebe zu, daß meine Theorie ein Weltbild impliziert, welches Sie als Philosoph vielleicht als materialistischen Monismus bezeichnen würden. Man kann hier sicherlich anderer Meinung sein, ich jedenfalls glaube nicht, daß Leib und Seele zwei getrennte Entitäten sind, wie es Ihrer Ansicht nach zu sein scheint. Leib (konkreter: das Gehirn) und Seele (also Bewußtsein) sind vielmehr ein und dasselbe - zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe Phänomen aus verschiedenen Sichtweisen: Das Bewußtsein ist das Gehirn von innen betrachtet. Meines Erachtens ist das Bewußtsein eine zwingende Folge, man könnte sagen ein Epiphänomen der komplexen Aktivitäten in einem neuralen Netz. Dies impliziert, daß die Entstehung eines Bewußtseins nicht unbedingt von der verwendeten Hardware abhängig ist."

"Mit Verlaub - über die Frage, wie Gehirn und Bewußtsein zusammenhängen, wird seit über 2000 Jahren - ach was, seit Menschheitsgedenken - gestritten, und ich glaube nicht, daß wir den 'Weltknoten Leib-Seele-Problem', wie Schopenhauer es einmal genannt hat, heute werden aufdröseln können. Sie kennen sicher auch das Hauptargument, welches von den Dualisten regelmäßig gegen die monistische Auffassung der Einheit von Leib und Seele vorgebracht wird: Nämlich daß unsere eigene subjektive Erfahrung uns täglich lehrt, daß das Bewußtsein den Körper und dessen Funktionen bestimmt, und nicht umgekehrt der Geist eine bloße Hervorbringung der Abläufe im Körper ist - oder um es mit Descartes' Worten auszudrücken: 'Cogito ergo sum'. Um meinen etwas skeptischen Standpunkt hinsichtlich der Neurochip-Problematik zu erläutern, möchte ich Ihnen auch das altbekannte Gedankenspiel des 'bewußten Papiercomputers' in Erinnerung rufen - vielleicht kennen Sie es von Searle's bekanntem 'chinesischem Zimmer' oder in etwas abgewandelter Form aus einer Geschichte von Douglas Hofstadter: In letzterer soll sich der Leser Einsteins Gehirn als dickes Buch vorstellen, in der alle Rechenvorschriften des Gehirns von Einstein niedergeschrieben sind. Wir haben sozusagen das neuronale Netz des biologischen Gehirns auf eine andere Hardware portiert - in diesem Falle auf einen Papiercomputer. Wenn wir uns nun vorstellen, wir würden diesen Algorithmus abarbeiten, indem wir das Buch gemäß den dort abgedruckten Anweisungen durchblättern, so erscheint uns die Vorstellung, daß dabei so etwas wie ein Bewußtsein entsteht, als ziemlich lächerlich. Offensichtlich spielt die verwendete Hardware eben doch eine Rolle. Sobald wir die Hardware wechseln, handelt es sich meines Erachtens nur mehr um eine Simulation der physiologischen Abläufe im Gehirn. Selbst wenn man Ihrer Argumentation folgen würde, und davon ausgeht, daß das Bewußtsein aus den neuronalen Rechenaktivitäten hervorgeht, bleibt doch zweifelhaft, ob auch eine 'Gehirnsimulation' durch Ausführen der entsprechenden Rechenalgorithmen wirkliches Bewußtsein hervorbringt - um Searle zu zitieren: Eine Simulation ist nicht gleichzusetzen mit dem tatsächlichen Ereignis, man kann schließlich auch keine Pizza verdauen, indem man eine Pizzaverdauung simuliert."

Für einige Sekunden ertönte verhaltenes Gelächter.

"Nun, eine simulierte Pizzaverdauung ist sicher nicht in der Lage, eine reale Pizza, die ich gegessen habe, zu verdauen, aber die simulierte Pizza wird bei einer guten Computersimulation in exakt gleicher Weise verdaut wie die reale Pizza - aus der Sicht der simulierten Pizza findet also sicher eine tatsächliche Pizzaverdauung statt. Ich glaube, daß Sie einfach Schwierigkeiten haben, Begriffe wie 'Pizzaverdauung' oder 'Bewußtsein' nicht nur im Zusammenhang mit biologischen Systemen, sondern auch im Zusammenhang mit artifiziellen Systemen zu gebrauchen. Gerade beim Begriff Bewußtsein spielt vielleicht auch die Erfahrungstatsache eine Rolle, daß ein Individuum, welchem man 'Bewußtsein' zuzuschreiben bereit ist, immer gleichzeitig auch irgendwie 'undurchschaubar' sein muß. Bewußtsein bezeichnet gewöhnlich eine metaphysische, der empirischen Untersuchung nicht zugängliche Entität, die wir nicht begreifen können. Unsere artifiziellen Systeme hingegen verstehen wir ziemlich gut, weil wir sie ja selbst konstruiert haben. Wegen dieser Vertrautheit mit der Funktionsweise der Hardware sträubt man sich intuitiv dagegen, einem 'begreifbaren' System 'Bewußtsein' zuzusprechen. In ähnlicher Weise schreiben wir einem System ja nur dann Intelligenz zu, wenn wir die Regeln, nach denen es Entscheidungen trifft, nicht kennen. Daß bei der Vergabe des Prädikates 'intelligent' auch eigene Intelligenz und Kenntnis eine Rolle spielen, hat übrigens schon Alan Turing angemerkt. Wenn wir ein System beobachten, welches Entscheidungen trifft, die wir nicht in allen Einzelheiten nachvollziehen können, wenn wir etwa einen Arzt beobachten, der therapeutische Entscheidungen trifft, sind wir zunächst geneigt, ihm Intelligenz zuzuschreiben; sobald wir aber die Regeln des Arztes oder die Rechenvorschriften eines medizinischen Expertensystems kennen, sagen wir 'Ach so, der hält sich ja nur exakt an einen vorgegebenen Algorithmus' und sind mit der Vergabe des Intelligenzbegriffes schon vorsichtiger. Nicht umsonst bezeichnete Marvin Minsky die Forschungsrichtung der künstlichen Intelligenz schlicht als 'Wissenschaft, die sich mit noch nicht gelösten Computerproblemen befasst' - der Begriff 'Intelligenz' wird hier also auch subjektiv definiert als etwas, was uns noch nicht zugänglich ist, was wir noch nicht verstehen. Sie wollen den Begriff 'Bewußtsein' anscheinend ebenfalls nur Systemen zugestehen, die Sie nicht verstehen können. Vielleicht sollten Sie Ihren Bewußtseinsbegriff lediglich etwas erweitern..."

"Also gut, dann tue ich das hiermit und nehme einmal an, daß prinzipiell auch unbelebte Materie von hinreichender Komplexität, wie ein Neurochip, 'Bewußtsein' entwickeln kann - wie stellen Sie sich denn nun eigentlich die Entstehung eines zweiten Bewußtseins in der Neuroprothese vor?"

"Das ist relativ einfach zu erklären. Bei der Implantation ist der Neurochip quasi ein unbeschriebenes Blatt. Während der Neurorehabilitation wird der Neurochip für seine Aufgaben programmiert, das neuronale Netz lernt durch Erfahrung, indem es Signale von den Hautsensoren oder Muskeln empfängt. Da nun der Neurochip über das erhaltene Rückenmark mit dem Gehirn in ständiger Verbindung steht, und der Neurochip somit ständig den Einflüssen des Bewußtseins ausgesetzt ist, könnte sozusagen eine Kopie des Original-Bewußtseins im Neurochip abgebildet werden. Der Neurochip 'lernt' gewissermaßen nicht nur motorische und sensorische Eingaben aus der Körperperipherie zu verarbeiten, sondern er übernimmt unter dem Einfluß des Bewußtseins im Gehirn auch ein Stück dieses Bewußtseins."

"Unsinn!" rief an dieser Stelle der Philosoph erregt. "Wie können Sie behaupten, daß der Neurochip einem Bewußtsein ausgesetzt ist? Sie gehen wie selbstverständlich davon aus, daß dort, wo das Gehirn ist, auch das Bewußtsein ist - allein dies ist streng genommen eine nicht belegbare Hypothese - und bestehen darauf, daß es sogar von Nervenfasern 'fortgeleitet' bzw. in den Neurochip kopiert werden kann. Diese mechanistische Vorstellung der 'Fortleitung' ist ebenfalls eine Annahme, die durch nichts bewiesen ist."

"Als Wissenschaftler sind wir natürlich ein wenig auf ein mechanistisches Weltbild angewiesen" antwortete der Psychiater ruhig. "Wie gesagt - ich gehe natürlich davon aus, daß Bewußtsein ein Produkt der komplexen Neuronenaktivitäten im Gehirn ist. Sobald ich Strukturen habe, die diese Neuronenaktivitäten fortleiten können, etwa die Nervenfasern im Rückenmark, schließe ich daraus, daß diese auch das Bewußtsein fortleiten können."

"Aber selbst wenn das so wäre..", warf an dieser Stelle der vorsitzende Hirnchirurg erregt ein, "selbst wenn im Neurochip ein schwaches Abbild von dem, was wir Bewußtsein nennen, entsteht, so können Sie damit noch nicht die subjektiv empfundene 'Verdopplung' des Bewußtseins von schizophrenen Patienten erklären: Vergessen Sie bitte nicht, daß, nach allem, was wir wissen, das zentrale Nervensystem hologrammähnlich funktioniert. Informationen sind nicht in einzelnen Neuronen gespeichert, sondern ergeben sich erst aus dem komplexen Zusammenwirken der Gesamtstruktur. An jedem Gedanken sind Milliarden von Neuronen beteiligt, die über das gesamte Gehirn verteilt sind. Jedes dieser Neurone ist an der Bildung des Bewußtseins ein winziges Stück weit beteiligt, aber keines ist konstitutiv notwendig. Sie können beispielsweise einem Individuum ein Viertel seines Gehirns wegschneiden, und dennoch kommt es dadurch nicht zum Verlust 'eines Viertels' seines Bewußtseins. Und nun betrachten Sie dieses holistische Gehirn einmal von der anderen Seite: Ebensowenig werden Sie Ihre Persönlichkeit verdoppeln können, indem Sie ein zweites, künstliches neuronales Netz hinzufügen. Vielmehr würde sich das künstliche neuronale Netz in den bestehenden neuronalen Zellverband nahtlos einfügen und zum Teil des Gesamtbewußtseins werden. Die Vorstellung, daß sich im Neurochip ein 'zweites' Bewußtsein entwickelt, ist aus diesem Grunde absurd. Ebensogut könnte ich behaupten, daß in jeder meiner Gehirnhälften ein seperates Bewußtsein existiert. Mit dem gleichen Recht könnte ich behaupten, in jedem von uns könnte im Rückenmark ein zweites Bewußtsein entstehen. Demnach müßte jeder von uns schizophren werden...".

"Sie haben sicherlich recht, aber nur, wenn Sie davon ausgehen, daß das künstliche und das biologische neuronale Netz hundertprozentig äquivalent sind. Wenn sich nun jedoch das künstliche neuronale Netz von dem natürlichen neuronalen Netz auch nur geringfügig unterscheidet, bringen sie womöglich zwei unterschiedliche 'Bewußtseins' hervor. Ein artifizielles neuronales Netz ist weitaus weniger komplex als ein biologisches neuronales Netz: Wir kennen beispielsweise für das menschliche Gehirn über 50 verschiedenen Transmittersubstanzen, welche die Informationsübertragung an den Synapsen beeinflussen. Im künstlichen neuronalen Netz bilden wir lediglich einige Grundfunktionen eines Neuronenverbands nach, beispielsweise zwei Arten von Transmitter, nämlich inhibitorisch oder exzitatorisch, den Schwellenwert des einzelnen Neurons, Rückkopplung usw. Doch ist damit das künstliche neuronale Netz genauso komplex und dynamisch wie ein biologisches? Ich glaube nein. Möglicherweise ist es sehr viel unflexibler als ein Nervenverband aus biologischen Materialien."

"Gerade noch haben Sie behauptet, der Neurochip und das Gehirn seien hinsichtlich der Komplexität vergleichbar, und folgerten daraus, in beiden könne gleichermaßen ein Bewußtsein entstehen. Und jetzt kritisieren Sie auf einmal einen Mangel an Komplexität im Neurochip und machen die relative Unflexibilität des Neurochips für das Auseinanderdriften der beiden Bewußtseins verantwortlich."

"Vielleicht trifft beides gleichzeitig zu. Möglicherweise bringt der Neurochip Muster hervor, die gerade komplex genug sind, um so etwas wie ein Bewußtsein entstehen zu lassen, ist aber gleichzeitig hardwaremäßig zu unkomplex und nicht flexibel genug, um auf Dauer mit dem koexistierenden 'biologischen' Bewußtsein des Gehirns mithalten zu können. Wie ich vorhin bereits erwähnte, stelle ich mir diesen Prozeß folgendermaßen vor: Nach der Implantation des Neurochips stehen das Gehirn und der unprogrammierte Neurochip über das verbliebene Rückenmark miteinander in Verbindung; auf diesem Wege könnte das biologische Bewußtsein, also die Gedankengänge des Individuums im Gehirn, auf die Neuronenstruktur des Neurochips gewissermaßen abfärben, so daß im Neurochip sozusagen eine blasse Abbildung des Geistes entsteht. Vermutlich hat das Individuum zunächst keinerlei Probleme damit, da, wie Sie richtig bemerkten, das Gehirn eine holistische Struktur ist und der Neurochip als Teil des Gesamtbewußtseins in das zentrale Nervensystem vollkommen eingebunden ist."

"Und wie erklären Sie sich dann die allmähliche Spaltung der Persönlichkeit in der Schizophrenie?"

"Nun, wie ich bereits angedeutet habe: Ich stelle mir vor, daß auf Dauer die etwas starre Struktur des Neurochips der Dynamik der biologischen Nervenzellen des Gehirns nicht gewachsen ist. Das Bewußtsein im Gehirn und die Bewußtseinskopie im Neurochip entwickeln sich auseinander. Im Wechselspiel zwischen biologischem Bewußtsein des Gehirns und dem künstlichen neuronalen Netz schleichen sich irgendwann Divergenzen und Mißverständnisse ein. Während im Gehirn laufend neue Nervenverbindungen und Informationsstrukturen entstehen, ist der Neurochip womöglich unflexibler. Dies hätte zur Folge, daß die Bewußtseinskopie im Neurochip sozusagen geistig zurückbleibt. Bedenken Sie, daß es sich um chaotische Systeme handelt, bei denen sich schon winzige Differenzen in einer Ausgangssituation so potenzieren können, daß sie zu zwei völlig verschiedenen Resultaten führen können."

"Der Neurochip ist doch nicht isoliert, sondern ist mit dem Gehirn verbunden und steht laufend unter zentraler Kontrolle. Kleine Fehler würden doch sofort korrigiert werden können."

"Natürlich werden eventuelle Fehler im nächsten Moment ausgeglichen, aber eben erst im nächsten Moment. Womöglich ist es gerade diese zeitliche Verzögerung, die die Differenz zwischen Neurochip-Bewußtsein und Gehirn-Bewußtsein ausmacht. Vielleicht entwickelt sich irgendwann eine kritische Masse von Fehlern, so daß das Bewußtsein im Neurochip eine Eigendynamik entwickelt und ein eigenes Ich entwickelt. Aus der einseitigen Kontrolle des Gehirns über den Neurochip könnte ein Wechselspiel entstehen: Jeder der beiden neuronalen Systeme entwickelt ein autonomes Bewußtsein, welches Einfluß auf das jeweils andere Bewußtsein ausüben will. In dieser Situation wird der Patient psychiatrisch auffällig, er entwickelt eine schizophrene Psychose."

Ich schreckte hoch, als das Telefon klingelte. Als mein Blich auf die Uhr fiel, erschrak ich leicht - es war fast Mittag, und ich mußte wohl schon eine ganze Weile so dagesessen haben. Ich wollte das Radio ausschalten, stellte aber verwundert fest, daß es gar nicht eingeschaltet gewesen war. Das Telefon verstummte wieder, und es war auf einmal gespenstisch ruhig im Zimmer. Seltsam, dachte ich, wieso ist denn das Radio gar nicht an, ich hatte doch diese Stimmen ganz deutlich gehört. Kamen sie vielleicht gar nicht aus dem Radio?

Plötzlich wußte ich, was zu tun war. Das heißt - eigentlich kam diese Eingebung nicht von mir, sondern von "oben" - aus dem Kopf. Ich versuchte diesmal nicht, die Stimme aus meinem Kopf zu vertreiben, sondern fügte mich bereitwillig.

Das Seil fand ich im Einbauschrank, zwischen den anderen Sachen, die man zum Leben so braucht. Es war gut 20 Meter lang und fingerdick. Ich ging auf den Balkon und band das eine Ende des Seils sorgfältig am Balkongeländer fest. Am anderen Ende des Seils knotete ich eine Schlinge, die ich mir um den Hals legte. Ich verabschiedete mich kurz - weniger von der Welt, als vielmehr von meinem Begleiter in meinem Kopf, und kletterte ohne zu zögern über das Geländer. Nach 15 Metern bremste die Schlinge jäh meinen freien Fall. Die Trägheitskräfte meines beschleunigten Körpers rissen am unteren Ende, während die Schlinge um meinen Hals dem fallenden Körper einen abrupten Widerstand entgegensetzte. Krachend lösten sich mehrere Halswirbel aus ihrer ligamentösen Verankerung und schoben sich in den Rückenmarkskanal. Der Trennungsschmerz war kurz und nicht sehr groß. Die Separation war geglückt - ich hatte die psychische Spaltung endlich durch eine physische Trennung besiegelt.

***

Der diensthabende Stationsarzt der psychiatrischen Universitätsklinik hatte nicht viel Zeit für die schwarzgekleidete Frau und faßte sich daher kurz. "Haben Sie von der Erkrankung Ihres Bruders gewußt?", fragte er und blätterte etwas verlegen in den Krankenakten. "Ihr Bruder wurde hier erstmals vor zwei Jahren mit einer akut paranoid-halluzinatorischen Symptomatik stationär aufgenommen. Er hörte seitdem immer öfter bizarre Dialoge, von denen er annahm, sie kämen aus dem Radio. Zuweilen hörte er auch Stimmen, die sein Handeln kommentierten oder ihm Befehle gaben. Ihr Bruder behauptete, die Stimmen kämen aus seinem Neurochip, der ihm vor fünf Jahren nach einem Autounfall als Rückenmarksprothese eingesetzt wurde. Mein herzliches Beileid. Wann ist denn die Beisetzung?"

***

Um mich herum ist es totenstill, und auch sonst erhalte ich keinerlei Informationen mehr aus der Peripherie. Sie haben anscheinend auf eine Feuerbestattung verzichtet, denn das hätte selbst der Neurochip nicht überlebt. Während meine Ganglienzellen von Würmern und Mikroorganismen in Humus verwandelt werden, hat sich für mich mein persönliches Leib-Seele-Problem wohl endgültig erledigt.

Wie geht es nun weiter? Werde ich nun für immer in diesem Gefängnis aus künstlichen Neuronen zubringen? Wie wird sich das künstliche neuronale Netz ohne weitere Eingangssignale verhalten? Werden sich meine Gedanken von nun an ewig im Kreise drehen? Oder wird sich die kreisende Erregung irgendwann abschwächen? Vielleicht, wenn die Siliziumbatterie mit einer garantierten Lebensdauer von 60 Jahren aufhört, die Erregungen im Neurochip zu verstärken? Vermutlich werde ich tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre so dahinleben und -sterben.

go to top of document homebutton back to home page of G.E.