Quelle:

Eysenbach, G.: Computereinsatz und Computerkenntnisse unter Medizinstudenten [Computer use and computer literacy among medical students]. Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Medizin und Biologie 26 (1): 56-66; 1995

© Gunther Eysenbach 1994, © Verlag Eugen Ulmer GmbH & Co., Gustav Fischer Verlag Stuttgart 1994

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Computereinsatz und Computerkenntnisse unter Medizinstudenten

[Computer use and computer literacy among medical students]

G. Eysenbach

Kurztitel, deutsch: Computerkenntnisse bei Medizinstudenten

Kurztitel, englisch: Computer literacy among medical students

Zusammenfassung

Zu den Lehraufgaben der medizinischen Fakultäten gehört unter anderem die Ausbildung der Studierenden im Fach medizinische Informatik. Zu diesem Zweck werden Daten zu Computervorkenntnissen und besonderen Interessengebieten der Medizinstudenten benötigt. Um diese Daten zu erheben befragten wir 224 Medizinstudenten aus verschiedenen Ausbildungsabschnitten mittels eines freiwilligen Fragebogens. Erhoben wurden Parameter zu Computerkenntnissen vor dem Studium und zum Befragungszeitpunkt, Interessen an verschiedene Anwendungsgebieten, Daten zum Computerbesitz, Namen der primär eingesetzten Softwareprodukte, sowie Daten zur Computernutzung bei der Doktorarbeit. Während die Mehrheit der Studierenden (76%) vor dem Medizinstudium keine oder kaum Computerkenntnisse besitzt, haben die medizinischen Doktoranden bereits zu 82% Erfahrungen mit Computern gemacht. Männer zeigen ein größeres Computer-Vorwissen und beschäftigen sich häufiger als Frauen auch mit technischen Aspekten, z.B. der Programmierung. Die Konsequenzen für das Ausbildungsfach medizinische Informatik werden diskutiert.

Schlüsselwörter

Computernutzung, Computer Literacy, Medizinische Ausbildung

Summary

Medical faculties need to ensure that clinical undergraduates are well educated in the use of computers in medicine. To fulfill this task educators need data about the students computer-experience prior to medical school as well as data about their particular areas of interest. In order to collect these data we administered a voluntary questionnaire to 224 medical students in different phases of their medical education. We collected data about the students computer-literacy prior to university as well as at the time of the survey, their interests in certain areas of application, whether or not they own a computer, trade-names of the most often used software products, and data about the computer-use during the preperation of their doctoral thesis. While the majority of students (76%) have no or little computer experience prior to university, most of the doctoral students (82%) are computer-users. Great differences between the genders regarding prior computer experience were observed, indicating that male students are more often computer-literate and have deeper technical interests e.g. in programming. The implications for education in medical informatics are discussed.

Key words

Computer application, computer literacy, undergraduate medical education

Einleitung

"In the 1990s any health professionals who do not understand how computers work and what they can be used for will be severely disadvantaged." [JONES et al., 1991]

Die Anzahl der Computeranwendungen in der Medizin nimmt stetig zu. Computerkenntnisse sind für den Mediziner heute schon essentielle Voraussetzung zum wissenschaftlichen Arbeiten [EYSENBACH, 1994], und gewinnen mit der Verbreitung von wissensbasierten Konsultationssystemen und Krankenhaus-Informationssystemen auch für die ärztliche Praxis Bedeutung [MATHESON & LINDBERG, 1984].

Die medizinischen Ausbildungsinstitutionen haben unter diesem Aspekt sicherzustellen, daß die junge Medizinergeneration ausreichend mit Aufgaben und Grundkonzepten der medizinischen Informatik vertraut gemacht wird. Diesem Umstand wurde in der Bundesrepublik Deutschland durch die Einführung des Ausbildungsfaches medizinische Informatik Rechnung getragen [MICHAELIS, 1989].

Um ihre Lehraufgabe optimal erfüllen zu können, benötigen die Ausbilder, aber auch Entwickler von medizinischer Hard- und Software, Daten, die Vorkenntnisse und den Grad der "computer literacy" der Medizinstudenten widerspiegeln. Ziel der vorliegenden Studie war es, das Verständnis der Medizinstudenten für technische Begriffe und theoretische Konzepte aus der Informatik festzustellen, sowie einen Überblick über die Computernutzung und spezielle Anwendungs- und Interessengebiete der Studierenden zu bekommen.

Methoden

Um diese Parameter zu bestimmen wurden im Herbst 1992 Fragebögen in verschiedenen Vorlesungen für Mediziner an der Universität Freiburg verteilt. Im Einzelnen handelte es sich um die Anatomievorlesung (3./4. Semester), die Pharmakologievorlesung (5./6. Semester), die Vorlesung zur Inneren Medizin (überwiegend 7. Semester), sowie um eine Doppelstunde zur Psychosomatik und zum ökologischen Stoffgebiet (überwiegend 10. Semester). Die Beantwortung der Fragen war freiwillig und anonym. Die Rücklaufquote der Fragebögen wurde nicht gemessen, kann aber auf über 90% geschätzt werden. Die Medizinstudenten wurden gebeten, den Fragebogen auch dann auszufüllen, wenn sie keinerlei Computererfahrung besitzen. Folgende Angaben sollten gemacht werden:

Frage 1: Fachsemester, Studienabschnitt, Geschlecht, Geburtsjahr

Frage 2: Es wurden 26 Begriffe aus der medizinischen Informatik und angrenzenden Gebieten vorgelegt. Die Studierenden sollten ihnen bekannte Begriffe markieren: "Bitte kreuzen Sie alle Begriffe an, unter denen Sie sich etwas vorstellen können [könnten Sie einem Kommilitonen grob erklären, worum es sich jeweils handelt?]". Unter den 26 Begriffen befand sich ein Phantasiewort ("Pi7-Modul") als Positivkontrolle, um Fragebögen von der Auswertung auszuschließen, bei denen willkürlich alle Begriffe angekreuzt wurden, sowie ein trivialer Begriff ("Diskette") als Negativkontrolle, um unvollständig ausgefüllte Fragebögen von der Auswertung ausschließen zu können.

Frage 3: Zur subjektiven Einschätzung der eigenen Computerkenntnisse sowohl vor dem Studium als auch zum Zeitpunkt der Befragung sollte jeweils ein Wert aus einer Ordinalskala von 1 bis 6 ausgewählt werden. Diese war wörtlich wie folgt vorgegeben:

absoluter Laie: keinerlei Erfahrung mit Computern

Spieler: Schon mal am Computer gesessen und ein wenig experimentiert, ansonsten aber wenig Ahnung z.B. vom Betriebssystem

Anwender/Anfänger: Benutze gelegentlich Anwendungsprogramme (z.B. Textverarbeitung); bin ziemlich ratlos, wenn etwas nicht so läuft wie erwartet

Anwender/Fortgeschritten: Kann mir bei Problemen meist selber helfen; Betriebssystemkenntnisse, keine/wenig Programmierkenntnisse

Programmierer: Praktische Programmierkenntnisse in Hochsprache(n) (BASIC, PASCAL), umfangreiche Betriebssystemkenntnisse (MS-DOS o.ä.)

Experte: Umfangreiche Kenntnisse in mehreren Hochsprachen, Assembler oder C; außerdem Hardwarekenntnisse

Frage 4: Es wurde gefragt, ob der Betreffende einen Computer besitzt. Wurde diese Frage bejaht, sollte das Kaufjahr angegeben werden, wurde sie verneint, sollte angegeben werden, ob ggf. eine Anschaffung geplant ist bzw. für welches Jahr.

Frage 5: Für 10 vorgegebene Anwendungsgebiete von Computern (Tab. 2) sollte der Befragte jeweils angeben

a) ob ihn das jeweilige Anwendungsgebiet interessiert (nicht/mäßig/sehr),

b) ob er den Computer für das jeweilige Gebiet schon einmal eingesetzt hat (ja/nein).

Frage 6: Die Studierenden sollten die Produktnamen der Software angeben, die sie "hauptsächlich einsetzen".

Frage 7: Es wurde ermittelt, ob bereits mit der Arbeit an einer medizinischen Dissertation begonnen wurde und wann damit angefangen wurde. Der Student wurde ferner mit vier Aussagen betreffend Computereinsatzes bei der Doktorarbeit konfrontiert (Tab. 4), aus denen diejenigen markiert werden sollten, denen der Befragte zustimmen konnte.

Ergebnisse

Studiengruppe

Es wurden 224 Fragebögen ausgefüllt. 127 (57%) Befragte waren männlich, 86 (38%) weiblich; 11 (5%) machten keine Angabe über ihre Geschlechtszugehörigkeit. 48 (21%) Studierende befanden sich im zweiten Studienjahr (Vorklinik), 47 (21%) im dritten Studienjahr (erstes klinisches Jahr), 61 (27%) im vierten und 68 (30%) im fünften Studienjahr. Unter den 224 Studierenden waren 96 Doktoranden, von denen wiederum 57 (59%) männlich und 36 (38%) weiblich waren, 3 (3%) machten keine Angabe über ihre Geschlechtszugehörigkeit. Der Mittelwert der Semesteranzahl der Doktoranden war 9,2 mit einer Standardabweichung von 1,6.

Computerkenntnisse

Tab. 1 zeigt den Bekanntheitsgrad der in Frage 2 vorgelegten 24 Testbegriffe und ermöglicht zugleich einen Einblick in die unterschiedlichen Interessengebiete von Doktoranden und nicht-Doktoranden bzw. Männern und Frauen (siehe Diskussion).

Bei der subjektiven Selbsteinschätzung anhand einer Ordinalskala von 1 bis 6 (Frage 3) zeigt sich, daß etwa die Hälfte der Befragten vor dem Medizinstudium überhaupt keine Erfahrung mit Computern hatte (Abb. 1). Bei den Doktoranden ordnet sich hingegen die Hälfte in die Kategorie "Anwender / Anfänger" ein (Abb. 2). Dabei existieren erhebliche Geschlechtsunterschiede: Etwa 66% der Frauen hatten vor dem Studium keinerlei Erfahrung mit Computern, demgegenüber gaben lediglich 38% der Männer an, vor dem Studium kompletter Laie gewesen zu sein. Während sich insgesamt 19% der Männer vor dem Studium als "Fortgeschritten" , "Programmierer" oder "Experte" bezeichneten, waren es bei den Frauen nur 4% "fortgeschrittene Anwender"; als "Programmierer" oder "Experte" bezeichnete sich keine der befragten Frauen. Während sich insgesamt 46% der männlichen Doktoranden als "Fortgeschritten" , "Programmierer" oder "Experte" bezeichneten, waren es bei den weiblichen Doktoranden lediglich 14% "fortgeschrittene Anwender"; auch unter den Doktorandinnen bezeichnete sich keine als "Programmierer" oder "Experte".

Computerbesitz

Auch bei der Frage 4 (Computerbesitz) existieren erhebliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen bzw. zwischen Doktoranden und Nicht-Doktoranden (Tab. 3). Während nahezu die Hälfte (48%) der Studierenden vor der Dissertation keine Computeranschaffung plante, sind es bei den Doktoranden nur noch 22% (unter den Männern sogar nur noch 12%), die sich nicht mit dem Gedanken eines Computerkaufs tragen. Der Anteil der Männer, die schon vor der Doktorarbeit einen Computer besitzen (32%) ist doppelt so hoch, wie unter den Frauen (14%). Bei den Doktoranden nähern sich die Prozentwerte der computerbesitzenden Frauen (44%) denen der Männer (56%) an, allerdings gibt es auch unter den weiblichen Doktoranden noch einen erheblichen Anteil von Studentinnen (39%), die keine Computeranschaffung planen - bei den Männern sind es hier nur 12%.

Anwendungs- und Interessengebiete

Bei den in Frage 5 vorgelegten Anwendungen (Tab. 2) rangiert die Textverarbeitung an erster Stelle (von 67% der Befragten schon einmal angewendet worden, innerhalb der Gruppe der Doktoranden sind es 84%.). Viele Anwendungsgebiete werden erst zum Zeitpunkt der Doktorarbeit interessant und werden größtenteils auch erst zu diesem Zeitpunkt eingesetzt, beispielsweise Literaturverwaltung oder Literaturrecherchen. Bei dem Anwendungsgebiet Telekommunikation hingegen nimmt das Interesse und die Anwendung bei Doktoranden gegenüber Studierenden vor der Dissertation kaum zu. Bei den Bereichen "medizinische Diagnoseprogramme" und "Lernprogramme" nimmt das Interesse bei den Doktoranden ab.

Bei den von den Studierenden hauptsächlich eingesetzten Softwareprodukten (Frage 6) standen wiederum Textverarbeitungsprogramme an der Spitze: 32% nannten Microsoft Word und 22% Wordperfect. Weitere häufige Angaben (Mehrfachnennungen waren möglich) waren Microsoft Works (9%), Harvard Graphics (6%), dBase (6%) und Excel (6%).

Computer und Doktorarbeit

Ein großer Anteil der Doktoranden fertigt seine Dissertation am Computer an (Tab. 4). Nur wenige beurteilen die Einarbeitungphase als "sehr schwierig". Ein Unterschied zwischen Männern und Frauen ist in dieser Frage kaum vorhanden; selbst dann, wenn man berücksichtigt, daß insgesamt weniger Frauen EDV anwenden: In Relation zur Anzahl der computer-anwendenden Doktoranden (44) bzw. Doktorandinnen (22) berichten 13% (3/22) der Frauen und 11% (5/44) der Männer über große Anfangsschwierigkeiten.

Diskussion

Computerkenntnisse unter deutschen Medizinstudenten im internationalen Vergleich

An der Universität Freiburg wird "medizinische Informatik", wie an den meisten deutschen Universitäten, im 10. Semester im Zusammenhang mit dem "Ökologischen Stoffgebiet" gelehrt. Nahezu alle der in dieser Erhebung befragten Studierenden und Doktoranden befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung noch vor diesem Kurs.

Nur wenige Studien wurden bislang publiziert, welche die Computerkenntnisse und Computernutzung unter Medizinstudenten zu eruieren versuchten; diese kamen vor allem aus den USA und Großbritannien.

In der Studie von [BRESNITZ et al., 1986] wurden zwischen Dezember 1984 und Februar 1985 am Medical College of Pennsylvania (USA) 258 amerikanische Medizinstudenten verschiedener Ausbildungsabschnitte befragt. Damals gaben 42% der Befragten an, vor dem Studium noch keine Erfahrung mit Computern gesammelt zu haben. Obwohl diese Studie mit unserer Erhebung wegen der unterschiedlichen Ausbildungssysteme nur bedingt vergleichbar ist, nehmen sich unsere ermittelten Werte für "Laien vor dem Studium" (Abb. 1) von insgesamt 49% (38% bei den Männern bzw. 66% bei den Frauen) relativ hoch aus, insbesondere wenn man die heutige generelle Verbreitung von Mikrocomputern berücksichtigt.

In der Umfrage von [KNAPP et al., 1987] an der South Carolina School of Medicine (USA) im Herbst 1985 gaben 15% der Medizinstudenten aus den ersten beiden Ausbildungsjahren an, zum Befragungszeitpunkt überhaupt keine Erfahrung mit Computern zu haben. Dagegen bezeichneten sich 34% der von uns befragten Studenten vor der Doktorarbeit als Laie.

[JONES et al., 1991] befragten im Mai 1990 an der Universität von Glasgow (Schottland) 875 Studenten der Humanmedizin, Krankenpflege, Zahn- und Veterinärmedizin. Von den 165 befragten Humanmedizinstudenten im ersten Studienjahr gaben 82% an, sie hätten während der letzten Woche einen Computer benutzt, und nur 4% gaben an, sie hätten während des vergangenen Jahres keinen Computer benutzt. Im Laufe des Studium nimmt dann die Computernutzung ab; so haben 25% der 142 Humanmedizinstudenten im vierten Studienjahr während des letzten Jahres keinen Computer mehr verwendet. Dies steht in auffälligem Kontrast zu unseren Daten, die darauf hindeuten, daß die meisten deutschen Medizinstudenten zu Anfang ihres Studiums kaum Computererfahrung haben (Abb. 1), und erst später im Studium mit Computern konfrontiert werden (Abb. 2).

Programmierkenntnisse scheinen unter deutschen Medizinstudenten weitaus weniger verbreitet zu sein als bei amerikanischen Studenten, bei denen teilweise 31% [KNAPP et al., 1987] bis zu 45% [SALTZ et al., 1985] programmieren können.

Geschlechtsunterschiede

Sowohl bei der subjektiven Selbsteinschätzung, als auch bei der Frage nach dem Bekanntheitsgrad von Fachbegriffen zeigen sich große Geschlechtsunterschiede: Männer haben deutlich mehr Interesse und Erfahrung an und mit Computern. Insbesondere bei technischen Begriffen zeigen sich große Differenzen, z.B. bei "RAM" (bekannt bei 63% der Männer versus 28% der Frauen), "CD-ROM" (56 vs. 25), "Modem" (50 vs. 15), "Fortran" (41 vs. 15), "LAN" (11 vs. 0), "KI" (14 vs. 1) und "CPU" (42 vs. 4).

Die Geschlechtsunterschiede zeigen sich auch bei der Frage nach dem "Computerbesitz": Vor dem Studium haben Männer doppelt so häufig einen Computer als Frauen. Auch die Wahl der Doktorarbeit wird offensichtlich von den Computerkenntnissen beeinflusst und zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen werden öfter als Männer im Rahmen ihrer Doktorarbeit erstmals mit Computern konfrontiert (64% vs. 30%), und scheinen gleichzeitig -eher als Männer- Doktorarbeiten zu meiden, bei denen EDV-Kenntnisse erforderlich sind ("EDV-Kenntnisse waren für Doktorarbeit erforderlich": Frauen 28% versus Männer 49%).

Zum Zeitpunkt der Doktorarbeit werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede bezüglich der Computerkenntnisse und des Computerbesitzes zum Teil nivelliert. Es fällt jedoch auf, daß Frauen auch zum Zeitpunkt der Doktorarbeit über das Stadium des "fortgeschrittenen Anwenders" nicht herauskommen und sich auch in diesem Ausbildungsabschnitt keine einzige der befragten Frauen als "Programmiererin" oder gar "Expertin" bezeichnete.

Die beobachteten Geschlechtsunterschiede mögen ausschlaggebend sein für die oft beobachtete positivere Einstellung von männlichen Medizinstudenten hinsichtlich des Einsatzes von Computern in der Medizin, etwa für die medizinische Ausbildung [PARISH, 1986], und für die größere Angst von weiblichen Medizinstudenten vor Computern [JONES et al., 1991].

Kenntnis der Terminologie

Erstaunlicherweise sind bei allen Studierenden, unabhängig vom Geschlecht, auch manche medizinisch wichtige Begriffe und Konzepte aus der Informatik relativ unbekannt, so können sich nur 15% der Studierenden (23% der Männer und lediglich 4% der Frauen) etwas unter dem Begriff "Expertensystem" vorstellen.

Obwohl 59% der Doktoranden bereits Literaturrecherchen am Computer durchgeführt haben, und immerhin 81% der Doktoranden die medizinische Literaturdatenbank MEDLINE kennen, wissen nur 9% der Doktoranden etwas mit dem Begriff "MeSH" (Medical Subject Headings, dem Thesaurus von MEDLINE) anzufangen. Weiterhin fällt auf, daß nur 19% aller Doktoranden sich etwas unter "boolescher Algebra" vorstellen können, obwohl boolesche Operatoren Bestandteil nahezu jeder "klassischen" Retrievalsprache sind. Diese Daten bestätigen den subjektiven Eindruck des Autors, daß auf dem Gebiet des Datenbankretrievals ein gewißes Ausbildungsdefizit besteht bzw. "intelligente" Retrievalprogramme entwickelt und eingesetzt werden sollten, welche mit linguistischen KI-Modulen die natürliche Sprache analysieren und auf das kontrollierte Vokabular abbilden können.

Anwendungs- und Interessengebiete

Am meisten Interesse zeigten die Studierenden an den Anwendungsgebieten "Textverarbeitung" (nicht interessiert: 5%, sehr großes Interesse: 61%) und "Graphiken erstellen" (nicht interessiert: 11%, sehr interessiert: 44%). Am wenigsten Interesse wurde gezeigt für "Telekommunikation" (40% sind nicht interessiert, nur 15% sehr interessiert) und "Literaturverwaltung" (30% nicht interessiert, 17% sehr interessiert). Erstaunlicherweise gaben auch 24% der Studierenden (34% der Doktoranden) an, sie seien nicht an Lernprogrammen interessiert. Die Bedeutung der elektronischen Literaturverwaltung und Literaturrecherche wird vor allem von Studierenden, die noch nicht mit der Doktorarbeit begonnen haben, nicht erkannt: 40% sind an Literaturverwaltung nicht interessiert, 36% sind an Literaturrecherchen nicht interessiert. Unter den Doktoranden sind es dagegen nur noch 17% bzw. 6%, die an diesen Anwendungen nicht interessiert sind.

In der Studie von [BRESNITZ et al., 1986] wurde u.a. nach den "most desired areas of instruction" gefragt; an erster Stelle lagen hier Textverarbeitung (63%) und Telekommunikation (76%). Während sich der erste Wert nahezu mit unserem Wert für "sehr großes Interesse an Textverarbeitung" deckt, überrascht das vergleichsweise geringe Interesse der deutschen Studierenden für Telekommunikation (15% "sehr großes Interesse"). Desweiteren wurde in der zitierten US-Studie nach "anticipated future uses for computers" gefragt, bei denen Textverarbeitung (63%), Telekommunikation (76%) und Lernprogramme ("personal education", 63%) an der Spitze lagen.

Bei den Lernprogrammen sowie bei den Expertensystemen fällt eine besonders große Diskrepanz zwischen dem "großen Interesse" für diese Anwendungen und deren tatsächlicher Anwendung auf. Während Expertensysteme hierzulande allgemein kaum eingesetzt werden, und auch in den USA nur wenige Studenten Erfahrung mit diesen Programmen sammeln konnten (4% der Medizinstudenten bei [JONES et al., 1991] versus 6% in unserer Studie), kommen deutsche Studenten gegenüber ihren amerikanischen Kollegen weitaus weniger mit computergestützter Ausbildung in Kontakt: So gaben in der Umfrage an der Duke University (USA) von 1983 schon 47% der Medizinstudenten ersten Jahr an, bereits mit Lernprogrammen gearbeitet zu haben [SALTZ et al., 1985], während es neun Jahre später in unserer Studie selbst unter den Doktoranden nur 13% sind.

Kritische Betrachtung der Methode

Bei der Frage, ob die erhobenen Daten als repräsentativ für die Gesamtheit der Medizinstudenten anzusehen sind, müssen folgende methodisch bedingte Verzerrungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden:

1. Da die Beantwortung der Fragebögen freiwillig und anonym war, könnte eine Selektion des Stichprobenkollektivs stattgefunden haben; und zwar in dem Sinne, daß sich vor allem die an dem Thema besonders interessierten Studierenden an der Erhebung beteiligt haben. Dies würde die Daten "positiv" verfälschen, d.h. die Studenten insgesamt "kompetenter" erscheinen lassen als bei einer repräsentativen Stichprobe. Dieser Fehler wurde dadurch soweit möglich zu minimieren versucht, indem die Studenten explizit aufgefordert wurden, den Fragebogen unabhängig von Vorwissen und Interesse auszufüllen.

2. Durch das Austeilen der Fragebögen in Vorlesungen ohne Anwesenheitspflicht konnte nur ein Teil der Studenten der jeweiligen Ausbildungsphase erreicht werden. Da Vorlesungen generell eher von besonders leistungsbereiten Studierenden besucht werden, und unter der Annahme, daß die besonders leistungsbereiten Studenten auch bessere Computerkenntnisse aufweisen, würde diese Selektion des Stichprobenkollektivs die Daten ebenfalls "positiv" verfälschen. Durch die Auswahl von relativ wichtigen Vorlesungen zu Semesterbeginn, die erfahrungsgemäß noch von einem relativ breiten Querschnitt der Studenten besucht werden, wurde versucht, diesen Effekt soweit möglich zu minimieren.

Insgesamt dürften also die hier angegebenen Parameter zu Computernutzung und -kenntnissen eher "Maximalwerte" darstellen. Unsere Daten können aber trotzdem grob mit den zitierten internationalen Daten verglichen werden, da auch diese alle aufgrund von freiwillig zu beantwortenden Fragebögen erhoben wurden.

Schlußfolgerungen

Vorkenntnisse: Die Mehrzahl der deutschen Medizinstudenten besitzt -im Gegensatz zu britischen oder amerikanischen Studenten- vor dem Studium keine oder kaum Computerkenntnisse. Erst mit der Doktorarbeit erwacht das Bewußtsein für die Bedeutung der medizinischen Informatik und auch der Wunsch, einen eigenen Mikrocomputer anzuschaffen.

Ausbildungszeitpunkt: Die Ausbildung in medizinischer Informatik sollte im Studium bereits früh beginnen. Die derzeitige Praxis (Einführung in die medizinische Informatik im letzten Semester vor dem Praktischen Jahr) ist unbefriedigend, da gerade für wissenschaftliche Arbeiten Computerkenntnisse benötigt werden, die Studenten aber zum Zeitpunkt des Kurses "Medizinische Informatik" meist bereits ihre Dissertation abgeschlossen haben.

Ausbildungsinhalte: Bei der Ausbildung sollte der Schwerpunkt auf Datenbankretrieval, Retrievalsprachen und -Techniken gelegt werden. Darüber hinaus erscheint es wichtig, das Bewußtsein für die Bedeutung der elektronischen Kommunikation und Datenübertragung in der Medizin zu wecken. Desweiteren sollte den Studierenden das Arbeiten mit Diagnose- und insbesondere mit Lernprogrammen ermöglicht werden.

Vermittlung von Wissen aus der medizinischen Informatik: Sowohl bei der Ausbildung, als auch bei der Entwicklung von medizinischen Soft- und Hardware-Applikationen sowie dem Erstellen von technischen Dokumentationen oder Lehrbüchern müssen die erheblichen Geschlechtsunterschiede berücksichtigt werden.

Literatur

BRESNITZ, E.A.; STETTIN, G.D.; GABRIELSON, I.W. (1986): A survey of computer literacy among medical students. Journal of Medical Education 61: 410-412

EYSENBACH, G. (im Druck): Computer Manual für Mediziner und Biowissenschaftler. Verlag Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore.

JONES, R.B.; NAVIN, L.M.; BARRIE, J.; HILLAN, E.; KINANE, D. (1991): Computer literacy among medical, nursing, dental and veterinary undergraduates. Medical Education 25 (3): 191-195

KNAPP, R.G.; MILLER, M.C.; LEVINE, J. (1987): Experience with ad attitudes toward computers in medicine of students and clinical faculty members at one school. Journal of Medical Education 62 (4): 344-346

MATHESON, N; LINDBERG, D.A. (1984): Subgroup report on medical information science skills. Journal of Medical Education 59 (11, Pt 2), 155-159

MICHAELIS, J. (1989): Teaching medical informatics to medical students in the Federal Republic of Germany. Methods of Information in Medicine 28 (4), 234-238

PARISH, R.A. (1986): Differences in the perception of computer-assisted instruction between men and women medical students. Journal of Medical Education 61 (9, Pt 1): 774

SALTZ, C.C.; SALTZ, J; RABKIN, M. (1985): Perceptions and knowledge of medical students regarding computer applications in medicine. Journal of Medical Education 60 (9): 726-728

Tabellen und Abbildungen

Tab. 1

224 Medizinstudenten wurden gebeten, alle Begriffe zu markieren, "unter denen Sie sich etwas vorstellen können". 9 Fragebögen wurden von der Auswertung ausgeschlossen, weil kein Begriff einschließlich des Begriffes "Diskette" (negative Kontrolle) markiert worden war (7 Bögen), oder weil das Phantasiewort "Pi7-Modul" (positive Kontrolle) angekreuzt worden war (2 Bögen).

Die Spalte "Doktoranden" gibt an, wieviel Prozent der befragten Doktoranden (medizinische Dissertation in Vorbereitung oder abgeschlossen) einen Begriff als bekannt erkannten, in der Spalte "Übrige" finden sich Prozentwerte bezogen auf Studenten die (noch) nicht mit der Dissertation begonnen haben.

Für die Angaben in den Spalten "Männer" bzw. "Frauen" wurden nur die 207 Fragebögen, auf denen auch das Geschlecht angegeben worden war, ausgewertet.


		Gesamt(n=215)	Doktoranden(95)	Übrige (n=120)	Männer (n=126)	Frauen (n=81)
Datenbank	91 %		93 %		90 %		91 %		91 %
Hardware	91 %		95 %		88 %		94 %		85 %
Byte		86 %		89 %		83 %		91 %		79 %
MS-DOS		77 %		84 %		72 %	 	80 %		74 %
RAM		49 %		58 %		43 %	 	63 %		28 %
Medline		47 %		81 %		20 %		53 %		37 %
CD-ROM		44 %		58 %		33 %		56 %		25 %
online		44 %		54 %		36 %		52 %		30 %
Modem		36 %		41 %		33 %		50 %		15 %
Fortran		31 %		35 %		28 %		41 %		15 %
CPU		27 %		36 %		21 %		42 %		4 %
DIMDI		27 %		46 %		12 %		29 %		23 %
Compiler	25 %		27 %		23 %		36 %		9 %
e-mail		18 %		22 %		15 %		25 %		9 %
boolesche
 Algebra	15 %		19 %		15 %		23 %		2 %
Experten-
  system	15 %		23 %		9 %		23 %		4 %
DFÜ		14 %		18 %		11 %		21 %		2 %
Bayes' Theorem	10 %		19 %		3 %		12 %		6 %
KI		9 %		12 %		8 %		14 %		1 %
Datex-P		7 %		8 %		7 %		10 %		2 %
LAN		7 %		9 %		4 %		11 %		0 %
MeSH		4 %		9 %		0 %		4 %		4 %

Tab. 2

Ergebnisse der Frage nach dem "sehr großen" Interesse der Studenten an verschiedenen Computerapplikationen bzw. auf die Frage, ob die entsprechende Applikation schon einmal eingesetzt wurde.


		vor Medizinstudium (n=215)	Studenten vor Dissertation (125)		Doktoranden  (n=94)
1 Laie			49 %	 			34 %				9 %
2 Spieler		27 %				22 %				9 %
3 Anwender/
   Anfänger		11 %				26 %				50%
4 Anwender/Fortgeschr	7 %				13 %				23 %
5 Programmierer		5 %				3 %				6 %
6 Experte		1 %				2 %				3 %
			100 %				100 %				100 %

Tab. 3

Antworten auf die Frage, ob die Studenten einen Computer besitzen, aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Studienabschnitt.

			Sehr großes
			 Interesse		Schon mal angewendet		
			Alle(224) 
				Stud. vor Diss.(128)
					Doktoranden(96)	
						Alle(224)
							Stud. vor Diss(128)
								Doktoranden  (n=96)
medizinische 
Diagnoseprogramme	36 %	38 %	32 %	6 %	2 %	13 %
medizinische 
Lernprogramme		33 %	36 %	28 %	9 %	7 %	13 %
Graphiken erstellen	44 %	38 %	52 %	31 %	19 %	47 %
Literaturverwaltung	17 %	2 %	23 %	9 %	2 %	19 %
Telekommunikation 
(Mailboxen, BTX)	15 %	15 %	16 %	9 %	7 %	13 %
Statistikanwendung	24 %	23 %	25 %	19 %	7 %	34 %
Tabellenkalkulation	26 %	21 %	32 %	22 %	9 %	39 %
Literaturrecherchen 
(CD-ROM, DIMDI usw)	30 %	13 %	42 %	28 %	5 %	59 %
Datenbanken		27 %	20 %	38 %	29 %	15 %	48 %
Textverarbeitung	61 %	59 %	65 %	67 %	54 %	84 %

Tab. 4

Die Doktoranden unter den befragten Studenten wurden gebeten, Aussagen zu markieren, denen sie zustimmen können.

		Studenten vor Diss.	Doktoranden 		Gesamt	
		Gesamt 	Männer 	Frauen 	Gesamt 	Männer 	Frauen	Männer 	Frauen 
haben einen 
Computer	33(26%)	23(32%)	7(14%)	49(52%)	32(56%)	16(44%)	55(43%)	23(27%)
kein Computer,
 Anschaffung
 ist geplant	34(26%)	20(28%)	13(26%)	25(26%)	18(32%)	6(17%)	38(29%)	19(22%)
kein Computer,
 keine 
 Anschaffung 
  geplant	62(48%)	29(40%)	30(60%)	21(22%)	7(12%)	14(39%)	36(28%)	44(51%)
Summe		129 	72	50	95	57	36	129	86
		(100%)	(100%)	(100%)	(100%)	(100%)	(100%)	(100%)	(100%)	

Abb.1: Computerkenntnisse (subjektiv) vor dem Medizinstudium

Abb. 2: Computerkenntnisse (subjektiv) bei medizinischen Doktoranden

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