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(C) Gunther Eysenbach, 1999. Nachdruck nur auzugsweise in Form von direkten Zitaten mit vollständiger Angabe der Quelle (s.u.) gestattet.

Der folgende Beitrag erschien in gekürzter und redigierter Form in:
Eysenbach, G. Cybermedizin und globale Kommunikation. Public Health Forum; 2000 (1): 2-3
<http://www.yi.com/home/EysenbachGunther/internet_public_health.htm>


Public Health Forum; 2000 (1): 2-3

Cybermedizin und globale Kommunikation

Dr.med. Gunther Eysenbach

 

Dass Neue Medien, Multimedia, Internet und Netzwerktechnologien – kurz: Computer –das Potential haben, Kommunikationsstrukturen im Gesundheitswesen zu revolutionieren und somit Qualität und Effizienz von medizinischer Versorgung, Ausbildung und Verwaltung zu verbessern, ist weder eine neue noch eine besonders originelle Feststellung, kommen doch neue Medien in der medizinischen Aus- und Weiterbildung (Tele-Teaching, Computer based teaching) und in der klinischen Medizin (Telemedizin) nun schon bereits seit einigen Jahren zum Einsatz. Das "jüngste" der "neuen" Medien, nämlich das World-Wide-Web, hat jedoch über die genannten Bereiche Telemedizin und (Tele-)Teaching hinaus insbesondere im Bereich Public Health neue Akzente gesetzt. "Internet-Medizin", auch Cybermedizin genannt [Eysenbach, 1999c]), eröffnet neue Perspektiven für die Anwendung der neuer Medien für Gesundheitsförderung oder auch für Nutzung des Internet für wissenschaftliche Zwecke (z.B. Datensammlung), wirft aber Fragen der Evaluation auf (Auswirkungen neuer Massenmedien wie Internet auf Public Health und Gesundheitsverhalten). Bei Telemedizin geht es vor allem um den (begrenzten, kontrollierten) Austausch klinischer Daten, während es bei Cybermedizin um die (globale) Kommunikation mit dem Konsumenten (oder von Laien untereinander) zum Austausch meist nicht-klinischer, präventivmedizinisch orientierter Information geht (vgl. Abb. 1 und Tab. 1).

 

 

 

 

Abb. 1. Cybermedizin wurde definiert als "die Wissenschaft der Anwendung von Internet und globalen Netzwerktechnologien für Medizin und Public Health, sowie die Untersuchung der Auswirkungen und Implikationen des Internets auf die öffentliche Gesundheit, und der Evaluation dessen Chancen und Risiken für das Gesundheitswesen" [Aus: Eysenbach, 1999c]

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Tab. 1. Die drei Anwendungsgebiete von neuen Medien in der Medizin

 

Kommunikation zwischen

Übermittelte Information

Telemedizin (im engeren Sinne)

Arzt-Patient, Patient-Arzt

Klinische Daten (Diagnostik, Therapie)

Tele-Teaching [Tele-learning, tele-education, computer-based training]

Arzt-Medizinstudent, Arzt-Arzt

Ausbildungsmaterial, Literatur, medizinisches Wissen

Cybermedizin [Teleprävention]

Arzt-Patient, Patient-Patient

Medizinisches Wissen in laienverständlicher Sprache, Kommunikation von Risikofaktoren, "Public Health" Information, virtuelle Selbsthilfegruppen

 

 

 

Neue Medien und "Interaktivität"

Der Begriff "neue" Medien setzte sich Anfang der 70iger Jahre durch, um die "klassischen" Medien, Print- und elektronische Medien (TV, Radio), abzugrenzen von den "neuen" Medien, die durch die Verbreitung von Informationstechnologie sowie das Zusammenwachsen von Computer- und Nachrichtentechnik entstanden. Während traditionelle (Massen-)Medien jeweils nur Kommunikation nur in eine Richtung zulassen, sind Neue Medien vor allem durch die Eigenschaft der "Interaktivität" gekennzeichnet, das heißt sie erlauben eine Interaktion zwischen Mensch und Maschine (Computer als Kommunikationspartner) und ermöglichen somit eine Illusion zwischenmenschlicher Kommunikation, oder sie ermöglichen, mit der Maschine als Mittler, eine Kommunikation zwischen Mensch und Mensch- unabhängig von Ort und Zeit sowie ohne den Zwang zur Synchronisation (Computer als Kommunikationsmittler).

Beispiele für "neue Medien", die eine interaktive Kommunikation nach dem Muster Mensch-Maschine zulassen sind etwa CD-ROM Applikationen, Websites oder Gesundheitskiosks. Neue Medien, die eine interaktive Kommunikation nach dem Muster Mensch-(Maschine als Mittler)-Mensch ermöglichen, sind etwa email, newsgroups, chat usw.

 

 

Tab. 2. Beispielanwendungen für interaktive Medien in den drei Anwendungsgebieten Telemedizin, Tele-Teaching und Cybermedizin

  Kommunikation zwischen Mensch und Maschine (Computer als Kommunikationspartner) Kommunikation zwischen Mensch und Mensch (Computer als Kommunikationsmittler)

Telemedizin

Expertensysteme, Patienten(meßdaten)-Monitoring Telekonsil (Real-time oder Store-and-forward), Krankenhausinformationssysteme

Tele-Teaching [Tele-learning, tele-education, computer-based training]

Datenbanken, Computer-based training (CBT), z.B. CD-ROM-Programme, Videodisks, Websites "Virtual classroom" (z.B. Videokonferenz)

Cybermedizin [Teleprävention]

Patienteninformierung (Websites, Health Kiosks, CD-ROMs), "Patientenwatching" Virtuelle Selbsthilfegruppen, (newsgroups, chat), nicht-klinische (präventivmedizinische) Patientenberatung per email

 

 

Interaktivität und Effizienz der Kommunikation

Neue wie alte Medien weisen grosse Unterschiede hinsichtlich des Grades ihrer "Interaktivität" auf: Das Kontinuum des Interaktivitäts-Begriffs reicht vom An-/Aus-Schalten eines Fernsehers oder Zapping, über das Anklicken von Hypertext-Begriffen bis hin zu intelligenten Programmen (auf CD-ROM, Gesundheitskiosks oder Websites), bei denen die elektronische Information durch Software entsprechend modifiziert und individuell aufbereitet werden kann, um komplexe Fragestellungen des Konsumenten flexibel zu beantworten. Prinzipiell aber lassen sich alle Inhalte neuer Medien mit einem weit höheren Level an "Interaktivität" realisieren, als dies bei klassischen Medien der Fall wäre, so daß die Information personalisierbar ist, während die Kommunikation dennoch anonym im Sinne von Massenkommunikation stattfindet. Daraus ergeben sich interessante Möglichkeiten für die Gesundheitsförderung. Werden beispielsweise individuumsspezifische Bedürfnisse zunächst über elektronische Fragebögen erfasst, können in einem zweiten Schritt Gesundheitsinformationen individuumsorientiert aufbereitet werden (Kombination massenmedialer mit individuumsorienter Prävention [Eysenbach, 1997] = "mass customization"). Computer-gestützt generierte Information, die auf das Individuum zugeschnitten ist, beeinflußt das Gesundheitsverhalten weitaus effektiver, wie etwa im Bereich der Adipositas-Prävention gezeigt wurde [Bull, 1998]. Während bei traditionellen Medien der Grad der Interaktivität, Personalisierbarkeit, Involvierbarkeit des Benutzers usw. im umgekehrten Verhältnis zu erreichbaren Benutzern steht, können neue Medien, und hier insbesondere das Internet, die Vorteile von massenmedialer Kommunikation (Reichweite!) mit der Flexibilität von individuumsorientierter Kommunikation verbinden (vgl. Abb. 2), und maximieren somit die Effizienz. Was hier am Beispiel von Cybermedizin dargestellt wurde, gilt analog auch für Tele-Teaching.

 

Abb. 2. Neue Medien können die Vorteile massenmedialer und individuumsorientierter Kommunikation kombinieren.

 

 

Gleichzeitig können im Internet erfassten Informationen der Patienten für epidemiologische Fragestellungen ausgewertet werden ("Teleepidemiologie" [Eysenbach 1998a, Eysenbach 1998b], vgl. auch Beitrag von Prof. Schwarzer) oder auch zur Evaluation und Verfeinerung von Gesundheitsaufklärungstexten herangezogen werden. Im Patienteninformationssystem "NeurodermIS" für Atopiker haben wir beispielsweise einen Fragebogen vorgeschaltet, der zunächst das aktuelle Wissen des Patienten ermittelt. Dies erlaubt dem Programm nicht nur, die Gesundheitsaufklärung automatisch individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abzustellen, sondern schafft auch eine interessante Datenbasis. Bei diesen Datensammlungen im Cyberspace haben wir bisher innerhalb eines guten Jahres Daten zur klinischen Epidemiologie von 10.000 Patienten sammeln können.

 

 

Zukünftige Herausforderungen für die Wissenschaft

Auf der anderen Seite stehen diesen Chancen auch Risiken gegenüber. Ein in neuerer Zeit in der Public Health Szene oft diskutiertes Problem ist die Frage, ob sich die oft mangelhafte Zuverlässigkeit medizinischer Information auf dem Internet (WWW [Impicciatore, 1997], Newsgroups [Culver, 1997], email [Eysenbach 1998c, Eysenbach 1998d]) negativ auswirkt oder gar eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt. Kompetenz oder Objektivität der Anbieter von Internet-Informationen ist in vielen Fällen nicht klar und gerade für den medizinischen Laien nicht ohne weiteres zu erkennen. Die Frage kann derzeit nicht abschließend beantwortet werden, es spricht aber viele dafür, daß die positiven Effekte des "patient empowerment" überwiegen. Dennoch kann man – anders als bei klassischen Medien – Konsumenten helfen, indem etwa unabhängige Organisationen elektronische "Gütesiegel" für Internet-Information vergeben [Eysenbach 1997]. "Gütesiegel" für Internet-Information werden mittlerweile auch von Seiten des BMG gefordert. Hierbei sollte man aber nicht an eine zentrale Institution denken, welches Gütesiegel vergibt (was angesichts der Fülle und Dynamik des Internet-Angebots ohnehin unrealistisch wäre), sondern man muß eine gemeinsame Infrastruktur für Organisationen schaffen, die "Gütesiegel" vergeben wollen. Selbsthilfegruppen, Fachverbände, individuelle Mediziner u.a. können dann diese gemeinsame Infrastruktur nutzen, um Informationen zu bewerten, und dabei ihre eigenen Beurteilungskriterien verwenden. Eine solche europäische Infrastruktur wird momentan im EU-Projekt med-CERTAIN® (medPICS Certification and Rating of Trustful and Assessed Health Information on the Net) entwickelt, welches vom Institut für Klinische Sozialmedizin in Heidelberg koordiniert wird. Mediziner (oder auch Beauftragte von Organisationen, die "Gütesiegel" vergeben) werden im Internet Informationen bewerten und ihre Bewertungen etwa in Form von strukturierten Bookmarks ablegen können. Die Bewertungen werden in einer Datenbank gesammelt und automatisch an den Browser des Internetbenutzers übermittelt, der diese Gütesiegel quasi abonnieren kann [Eysenbach 1998e, Eysenbach 1999a]. Konsumenten können so beim Internet-Surfen laufend Bewertungen von Medizinern zu Internetinformationen abrufen.

 

Abb. 3. Im EU-Projekt med-CERTAIN vorgeschlagene Kommunikations-Infrastruktur für elektronische "Gütesiegel" für medizinische Internet-Informationen (evaluative Metainformation von Third-Party Rating Services, die automatisch als computerlesbare "Label" an den Browser des Anwenders geschickt werden) [Eysenbach, 1999a]

 

 

 

Forschungs- und Entwicklungsbedarf

Im Bereich der Telemedizin wurde kritisiert, daß eine Vielzahl von Einzelprojekten gefördert wurde, ohne über eine Integration nachzudenken: "Die Pilotprojekte führten zum Aufbau einer Vielzahl nicht kompatibler Lösungen, aber nicht zu einem einheitlichen Kommunikationssystem, auf dem die Anwendungen aufsetzen können" [Roland-Berger Studie, 1997]. Eine ähnliche Fehlentwicklung sollte im Bereich Cybermedizin vermieden werden, denn auch hier ergibt sich ein Bedarf nach der Schaffung von standardisierten Schnittstellen, etwa zwischen den Patienteninformierungssystemen, und der Durchsetzung weiterer Standards, etwa bei der Bewertung von Websites im Sinne eines "Gütesiegels".

Neue Kommunikationtechnologien werfen regelmäßig auch neue ethische Fragen auf. Aktuelle Beispiele sind die Fragen, wie Ärzte auf unaufgefordert zugesandte Emails von Patienten reagieren sollten [Eysenbach 1998c, Eysenbach 1999b], oder die Entwicklung von ethischen Richtlinien für Anbieter medizinischer Information im World-Wide-Web, welche auf dem "Ethics Summit" der Internet Healthcare Coalition im Februar 2000 verabschiedet werden sollen.

 

Literatur:

Bull FC., Kreuter MW, Scharff DP (1998). Effects of tailored, personalized, and general materials on physical activity. Patient Education and Counseling. 36:181-192.

Culver JD, Gerr F, Frumkin H (1997). Medical Information on the Internet: a study of an electronic bulletin board. J Gen Intern Med. 1997; 12:466-70

Eysenbach, G. (1997). Präventivmedizin und Internet - Prävention durch Information. In: Allhoff PG, Leidel J, Ollenschläger G, Voigt HP (Hrsg.). Präventivmedizin (5. Nachlieferung/ 6.Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag, 1997 [full text]

Eysenbach G, Diepgen TL (1998a). Teleprevention and Teleepidemiology with the patient information system NeurodermIS on the World-Wide-Web. In: Greiser E, Wischnewsky M (Hrsg.). Methoden der Medizinischen Informatik, Biometrie und Epidemiologie in der modernen Informationsgesellschaft. S. 251-253. München: MMW Medizin-Verlag, 1998

Eysenbach G, Diepgen TL (1998b). Epidemiological data can be gathered with world wide web BMJ 1998; 316 (7124): 72 [full text]

Eysenbach G, Diepgen TL (1998c) Responses to Unsolicited Patient E-mail Requests for Medical Advice on the World Wide Web. JAMA 1998; 280:1333-1335 [full text]

Eysenbach G, Diepgen TL (1998d). Evaluation of Cyberdocs. Lancet 1998; 352 (9139): 1526 [full text]

Eysenbach G, Diepgen TL (1998e). Towards quality management of medical information on the internet: evaluation, labelling, and filtering of information. BMJ 1998;317:1496-1500 [full text]

Eysenbach G, Diepgen TL (1999a). Labelling and filtering of medical information on the Internet. Meth Inf Med 1999;38:80-88 [full text]

Eysenbach G, Diepgen TL (1999b). Patients Looking for Information on the Internet and Seeking Teleadvice: Motivation, Expectations, and Misconceptions as Expressed in E-mails Sent to Physicians. Arch Dermatol 1999;135:151-156 [full text]

Eysenbach G, Sa ER, Diepgen TL (1999c). Shopping the Internet today and tomorrow – Towards the Millennium of Cybermedicine. BMJ 1999;319:1294 [full text]

Eysenbach G, Diepgen TL (1999d). Das Internet: Bedeutung für Prävention, Gesundheitsförderung und Evidenz-basierte Medizin. Deutsche Medizinische Wochenschrift; 124 (46): 1404 [full text]

Impicciatore P, Pandolfini C, Casella N, Bonati M (1997). Reliability of health information for the public on the world wide web: systematic survey of advice on managing fever in children at home. BMJ 1997; 314: 1875-81 [full text]

Roland Berger & Partner (1997) Telematik im Gesundheitswesen: Perspektiven der Telemedizin in Deutschland. München, BMG

Slack WV (1997). Cybermedicine: How Computing Empowers Doctors and Patients for Better Health Care. Jossey-Bass/Simon & Schuster

 

 

 

Autorenadresse:

Dr. med. Gunther Eysenbach
Leiter Forschungsgruppe Cybermedizin,
Institut für Klinische Sozialmedizin (Schwerpunkt Gesundheitssystemforschung),
Universität Heidelberg
Bergheimerstr. 58
69115 Heidelberg
Germany

Ph. (direct) ++49-(0)6221-56 88 97
or (mobile) ++49-(0)172-82 49 0 86
Fax ++49-(0)6221-56 55 84

Email: ey@yi.com

 


published on the Web: 9.12.1999
publication date in print: March 2000

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