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Wednesday, 03-May-2000 18:26:45 PDT

d-flag.gif (98 Byte) FAQ Cybermedizin

Ein Beipackzettel zu Risiken und Nebenwirkungen (aber auch Chancen) des Internets für Patienten und Mediziner

(c) Gunther Eysenbach, Arzt, Forschungsgruppe Cybermedizin am Institut für Klinische Sozialmedizin der Universitätsklinik Heidelberg

"Frequently Asked Questions" aus Interviews und Patientenanfragen zum Thema Medizin im Internet. Komplette ungekürzte Wiedergabe nur mit schriftlicher Erlaubnis des Autors.
Abdruck von Auszügen nur als direktes oder indirektes Zitat mit Quellenangabe (z.B. "Gunther Eysenbach, Arzt und Cybermedizin-Experte am Institut für Klinische Sozialmedizin der Universitätsklinik Heidelberg") erlaubt. Belegexemplare erbeten.

"Frequently Asked Questions" in Interviews und aus Patientenanfragen zum Thema Medizin im Internet
  • Was verstehen Sie eigentlich unter Cybermedizin?
  • Warum konsultieren nach Ihren Studien Patienten das Internet?
  • Welche medizinischen Angebote im Internet halten Sie für sinnvoll?
  • Kann ich als Patient Ärzte im Internet per Email anschreiben und medizinischen Rat erwarten? Können die Ärzte mir Beratungskosten in Rechnung stellen? Kann ich diese Beratungskosten bei meiner Krankenkasse zur Erstattung einreichen?
  • Von welchen medizinischen Angeboten im Internet raten Sie ab?
  • Welche Probleme gibt es bei den "Cyberdocs"?
  • Sind Medikamentbestellungen im Internet strafbar?
  • Wie soll der Patient praktisch vorgehen, um einigermaßen sicher sein zu können, daß die medizinische Information, die er im WWW entdeckt, zuverlässig ist?
  • Wie kann ich unseriöse medizinische Webseiten erkennen?
  • Ich habe von einem "Qualitätssiegel" der sog. "Health on the Net Foundation" gehört. Was ist davon zu halten?
  • Viele Ärzte zucken zusammen, wenn in der Praxis ein Patient mit Internet-Ausdrucken vor ihnen steht. Was raten Sie dem Patienten?
  • Bis Ihre Vision vom "virtuellen medizinischen Zentrum" in Erfüllung geht - wo bekomme ich heute weitere Informationen?
  • Further questions? Contact me!

    compass-shot.jpg (5249 Byte)
    Screenshot aus der Sendung "com.p@ss",

    Übrigens: Eine Presseschau zum Thema Cybermedizin gibt es hier!.

    uk.gif (216 Byte) See also:


    Frage: Was verstehen Sie unter Cybermedizin?

    Eysenbach: Nach meiner Definition ist Cybermedizin eine neue wissenschaftliche Disziplin, die zwischen Medizininformatik und Public Health angesiedelt ist. Was die Telemedizin für die klinische (kurative) Medizin ist, ist in etwa die Cybermedizin für Public Health (präventive Medizin). Aufgabe des Cybermediziners ist es, das Internet für Gesundheitsförderung, Evidenzbasierte Medizin nutzbar zu machen bzw. Chancen und Gefahren zu evaluieren und öffentlich zu machen. In einem Artikel für das British Medical Journal definiere ich dieses neue Forschungsgebiet folgendermaßen:

    "Cybermedicine is the science of applying internet and global networking technologies to medicine and public health, of studying the impact and implications of the internet, and of evaluating opportunities and the challenges for health care."

    [Gunther Eysenbach, in:
    Eysenbach G, Sa ER, Diepgen TL. Shopping the Internet today and tomorrow - Towards the Millennium of Cybermedicine.  BMJ 1999;319:1294 [full] (13 November)]

     

    fig-cybermed-corr.jpg (76057 Byte)


    Frage: Warum konsultieren nach Ihren Studien Patienten das Internet?

    Eysenbach: Warum Patienten immer öfter das Internet konsultieren habe ich in einer Studie untersucht, die vor kurzem in den Archives of Dermatology veröffentlicht wurde (siehe Literatur). Die Mehrzahl der Patienten (81%) hat chronische Erkrankungen und sucht im Internet nach einer "zweiten Meinung". Ein hoher Anteil der Patienten äußert eine gewisse Frustration über den bisherigen Behandlungsverlauf oder über ihren behandelnden Arzt.

    Zusammenfassend liegen die Gründe in

     

    fig1.jpg (47922 Byte)

     

    Literatur:


    Frage: Welche medizinischen Angebote im Internet halten Sie für sinnvoll?

    Eysenbach: Prinzipiell glaube ich schon, dass die Chancen des Internets für Gesundheitsaufklärung und Gesundheitsförderung die "Risiken des Internet" bei weitem übertreffen. Aber das Medium muß richtig genutzt werden – sowohl von Ärzten, als auch von Patienten -, und die variable Qualität der im Internet angebotenen Informationen (die zuweilen über den üblichen Unsinn in der Yellow Press hinausgeht) muß im Hinterkopf behalten werden.

    Sinnvoll ist natürlich immer eine ausgewogene, objektive Patientenaufklärung von anerkannten Institutionen, Unikliniken und non-profit Selbsthilfe-Organisationen.

    Besonders lohnend ist eine "Internet-Recherche" oft für chronisch Kranke sowie aus präventivmedizinischer Sicht für Verbraucher, die sich über die Krankheitsvorbeugung und Früherkennung informieren wollen. Insbesondere bei Fragen des täglichen Lebens für chronische Krankheiten und bei der Suche nach Leidensgenossen und Selbsthilfegruppen kann das Internet nützliche Dienste leisten.

    Bei der Recherche nach neueren Forschungsergebnissen – ebenfalls eine beliebte Motivation für Patienten, das Internet zu konsultieren - ist jedoch eine gewisse Erfahrung und meist auch Englischkenntnisse notwendig, ansonsten landet man leicht auf Seiten, die einen wissenschaftlichen Durchbruch verkünden, aber in Wahrheit Werbeangebote ominöser Gesundheitsprodukte sind.

    Besondere Vorsicht ist bei Krankheiten mit hohem Leidensdruck, wie Krebs, AIDS, Arthritis, sowie bei Diätprodukten geboten – hier tümmeln sich im Internet besonders viele Geschäftemacher und Abzocker, die die Verzweiflung und Frustration chronisch und unheilbar kranker Patienten ausnutzen.

    Viele Verbraucher wollen das Internet auch einsetzen, um "Experten" für Ihre Krankheit zu finden. Dabei ist allerdings zu beachten, daß bei weitem nicht jeder, der sich im Internet auf einer bunten Homepage als Fachmann ausgibt, auch einer ist. Umgekehrt haben gerade die Medizinkoryphäen in den wenigsten Fällen eine Homepage. Insofern sollte man sich lieber an die nächstgelegene Uniklinik wenden, die in den meisten Fällen selbst Experten haben oder (bei selteneren Erkrankungen) Patienten an Spezialisten verweisen können. Am besten findet man Experten durch eine Recherche in der Literaturdatenbank MEDLINE – denn wer sich mit einer Erkrankung gut auskennt, publiziert auch viel darüber. Wer gut englisch kann und sich mit medizinischer Terminologie auskennt, kann eine Recherche im Internet auch mal selbst ausprobieren, indem er einfach mal seine Krankheit eingibt und auf die Autorennamen und deren Klinik-Affiliation achtet (linkout.gif (901 Byte)http://www.ncbi.nlm.nih.gov/PubMed/).

    Bei akuten (d.h. nicht chronischen, sondern neu aufgetretenen) medizinischen Problemen sollte man aber immer den Arzt aufsuchen. Wenn man nicht weiß, an welchen Arzt man sich wenden soll oder ob überhaupt, kann initial auch mal das Internet weiterhelfen - ein Anruf beim Hausarzt ist aber unter Umständen einfacher uns sicherer!

    Literatur:

     


    Frage: Kann ich als Patient Ärzte im Internet per Email anschreiben und medizinischen Rat erwarten? Können die Ärzte mir Beratungskosten in Rechnung stellen? Kann ich diese Beratungskosten bei meiner Krankenkasse zur Erstattung einreichen?

    Eysenbach: Nicht wenige Patienten versuchen, im Internet vermeintliche Experten zu finden, die ihnen Fragen beantworten können. Durch meine Arbeit am Dermatologie Informationssystem (dermis.net) sowie Neurodermitis-Informationssystem (dermis.net/neurodermis/) bekomme beispielsweise ich selbst täglich 1-2 Patientenanfragen. Einige Patienten scheinen dabei eine kostenlose Auskunft zu erwarten (wobei ich mir immer Frage stelle, ob dieselben Patienten beispielsweise auch Rechtsanwälte, Unternehmensberater und Computerfachleute per email anschreiben und hier kostenlose Auskünfte erwarten). Aber ganz abgesehen davon ist vielen Patienten auch nicht klar, daß die deutsche Berufsordnung für Ärzte eindeutig die Beratung von Patienten, die man persönlich nicht kennt, verbietet:

    § 7 Behandlungsgrundsätze und Verhaltensregeln

    (....)
    3. Der Arzt darf individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, weder ausschließlich brieflich noch in Zeitungen oder Zeitschriften noch ausschließlich über Kommunikationsmedien oder Computerkommunikationsnetze durchführen.

    (Musterberufsordnung für Ärzte, §7, Par. 3, Bundesärztekammer 1997 )

    Ärzte, die medizinischen Rat per Bezahlung im Internet anbieten, oder auch nur unaufgefordert eingegangene Anfragen von Patienten beantworten, können somit in Teufels Küche kommen.

    Ob diese Regelung in dieser Striktheit sinnvoll ist, darüber kann man streiten. Natürlich gibt es die unten aufgeführten Probleme der "Cyberdocs" - daß es eben nicht kunstgerecht ist, eine Diagnose zu stellen, ohne den Patienten gesehen zu haben. Ich bin dennoch eher dafür, diese Regelung etwas zu lockern, da es eben in den meisten Fällen nicht um eine Diagnosestellung geht, sondern um andere "Beratungsfragen", die man als Arzt durchaus auch beantworten kann, ohne den Patienten zu kennen. Ich halte daher die Formulierung der Schweizerischen Standesordnung für gelungener, da sie das Wörtchen "regelmäßig" einführt:

     

    Die regelmässige Behandlung allein aufgrund schriftlich, telefonisch oder elektronisch übermittelter Auskünfte oder Berichte von Drittpersonen ist mit einer gewissenhaften Berufsausübung unvereinbar.

    (Standesordnung FMH, 12. Dezember 1996. Art. 7 )

    Noch etwas weniger dogmatisch sieht es die amerikanische Ärztevertretung AMA, die lediglich davor warnt, klinische Diagnosen zu stellen, und es untersagt, Medikament zu verschreiben, aber ansonsten Beratungsdienste via Telekommunikation als etwas selbstverständliches ansieht:

    Telecommunication advisory services, by way of phone, fax, or computer, distinct from an existing physician-patient relationship can be a helpful source of medical information for the public. (...)

    Any telecommunication advisory service should employ certain safeguards to prevent misuse. For example, the physician responding to the call should not make a clinical diagnosis. Diagnosis by telecommunication is done without the benefit of a physician examination or even a face-to-face meeting with the caller. Critical medical data may be unavailable to the physician. Physicians who respond to callers should therefore act within the limitations of telecommunication services and ensure that callers understand the limitations of the services. Under no circumstances should medications be prescribed.

    (AMA Current Opinions of the Council on Ethical and Judicial Affairs,
    E-5.025 Physician Advisory or Referral Services by Telecommunications.)

    Die Frage, ob deutsche Patienten somit Beratungen via Email von Ärzten mit den Krankenkassen abrechnen können, erübrigt sich somit von selbst - die Antwort lautet nein, sofern nicht berits vorher eine Arzt-Patienten-Beziehung bestanden hat.

    Hinweis: Der Autor ist Mediziner und kein Rechtsgelehrter. Die Interpretationen der Berufsordnungen und der Rechtslage sind meine eigenen.

    Literatur:


    Frage: Von welchen medizinischen Angeboten im Internet raten Sie ab?

    Eysenbach: Vorsicht bei allen Informationsangeboten, die kommerziell orientiert sind, also irgendwelche medizinischen Produkte einschließlich Arznei- oder "Wundermittel" verkaufen wollen. Obwohl natürlich nicht alles falsch und schädlich ist, was auf medizinischen kommerziellen Websites angepriesen wird, dient doch die "Information" auf diesen Websites in erster Linie dem Verkauf und ist daher in den seltensten Fällen ausgewogen. Dies gilt vor allem für non-name Firmen, umso mehr, wenn sie im Ausland ansässig sind. Bei deutschen Firmen und insbesondere für die streng regulierte Pharmaindustrie (die nach dem deutschen Heilmittelwerbegesetz ohnehin nicht für verschreibungspflichtige Substanzen offen werben darf!) gilt dies etwas weniger, so daß man den Produktinformationen auf diesen Websites in der Regel vertrauen kann.

    Medizinischer Rat per email von "Cyberdocs" ist problematisch, und auch von Medikamentenbestellungen via Internet ist grundsätzlich abzuraten.

     


    Frage: Welche Probleme gibt es bei den "Cyberdocs"?

    Eysenbach: In einigen Studien habe ich mich in "Wallraff'scher Manier" als Patient ausgegeben und "Cyberdoctors" mit einer fiktiven Patientenanfrage getestet. Nach diesen Studien sind "Cyberdocs", die medizinische Auskünfte per email anbieten, heute noch als problematisch einzuschätzen, denn

    Es soll jedoch nochmals betont werden, daß ich kein grundsätzlicher Gegner der "Cybermedizin" bin, sondern die Cybermedizin für mich im Gegenteil eine große Zukunft hat, auch für "Email-Konsultationen" insbesondere für chronisch Kranke. Allerdings muß dies "kunstgerecht" betrieben werden – mit digitalem Arztausweis ("Cyberlicence") als Qualifikationsnachweis, kryptographisch verschlüsselten Emails und einer klar geregelten Arzt-Patientenbeziehung. Was heute im Internet noch vielfach angeboten wird, grenzt da hart an Kurpfuscherei.

    Literatur:

    (Zu diesem Thema sind jede Menge Presseartikel erschienen - siehe Pressroom)


    Frage: Sind Medikamentbestellungen im Internet strafbar?

    Eysenbach: Laut Paragraf 43 des Arzneimittelgesetzes dürfen Pharmaka "berufs- oder erwerbsmäßig für den Endverbrauch nur in Apotheken und nicht im Wege des Versandes in den Verkehr gebracht werden". Verstöße dagegen können ein Bußgeld bis zu 50.000 Mark nach sich ziehen. Für den Verbraucher ist es nicht strafbar, verschreibungspflichtige Medikamente zu bestellen (Ausnahme: Medikamente, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen), aber man sollte Verbraucher generell davon abraten. Auf jeden Fall übernimmt der Patient die Folgen für sein Handeln ganz allein.

    Sie sollten sich darüber im klaren sein, daß die "Ärzte", die Ihnen in Cyberpharmacies nach dem Ausfüllen eines Fragebogens Medikamente angeblich "verschreiben", in den meisten Fällen gar nicht existieren, und die meisten Cyberpharmacies unseriöse Unternehmen sind, die von heute auf morgen wieder verschwinden können. Sollte ein Schaden an ihrer Gesundheit entstehen (sei es durch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Kontraindikationen), können Sie es in der Regel vergessen, jemanden dafür vor Gericht zu bekommen.

    Merke: Wenn eine Indikation für ein Medikament besteht, verschreibt es Ihnen Ihr Arzt, und Sie bekommen das Medikament sehr viel billiger (und sicherer) als auf dem Internet. Wenn keine Indikation besteht, und es Ihnen Ihr Arzt nicht verschreibt, hat Ihr Arzt dafür in der Regel gute Gründe.

    Beispiel: In einer von mir durchgeführten Testbestellung hatte ich mich als herzkranke Frau (!)  ausgegeben und bei 10 Anbietern Viagra bestellt. Obwohl kein vernünftiger Arzt unter diesen Bedingungen ein Rezept ausstellen würde, haben 30% der Anbieter geliefert. Übrigens hatten auch 2 weitere Anbieter die Kreditkarte belastet, ohne daß Viagra geliefert wurde! (siehe Bericht im RTL Nachtjournal).

    Ausnahmen: Medikamente, die nicht der Rezeptpflicht unterliegen (sogenannte OTC-Medikamente: "over-the-counter drugs"), kann der Verbraucher auch im Internet bestellen. Es stellt sich allerdings die Frage, wo hier die Vorteile liegen - ich sehe primär Nachteile:

    Wichtig ist, daß auch Medikamente, die nicht der Rezeptpflicht unterliegen (OTC), Wechselwirkungen mit rezeptpflichtigen Medikamenten haben können, daher sollten Sie auch die Einahme von OTC-Medikamenten mit Ihrem Arzt besprechen. 


    Frage: Wie soll der Patient praktisch vorgehen um einigermaßen sicher sein zu können, daß die medizinische Information, die er im WWW entdeckt, zuverlässig ist?

    Eysenbach: Hier rate ich immer dazu, in vier Phasen vorzugehen:

     


    Frage: Wie kann ich unseriöse Webseiten erkennen?

    Eysenbach: Internet-Angebote, die seriös daherkommen, müssen nicht immer seriös sein, aber es gibt auch eine ganze Reihe von Hinweise für eindeutig unseriöse Unternehmen:

    Geben Sie den Namen des Produkts in eine Suchmaschine ein, und schauen Sie nach, was andere zu diesem Produkt sagen!

    Es gibt zahlreiche Websites, die teilweise versuchen, das medizinische Angebot im Internet zu bewerten, etwa linkout.gif (901 Byte)www.medmatrix.org, linkout.gif (901 Byte)http://omni.ac.uk, linkout.gif (901 Byte)www.quackwatch.com, oder insbesondere linkout.gif (901 Byte)http://www.healthfinder.org, eine "Portalsite" der US Regierung. Leider gibt es im deutschsprachigen Raum noch nichts vergleichbares.

     Seriöse Hinweise und Hilfe – auch zu medizinischen Fragen, die sich aus Internetrecherchen ergeben - sollte einem der Hausarzt geben können - dafür ist er da. Es spricht nichts dagegen, wenn sich der Patient vor einem Arztbesuch mit Hilfe des Internets vorbereitet - wer besser informiert ist, kann gezieltere Fragen stellen. Ähnliches gilt für Fragen, die nach dem Arztbesuch auftauchen.

     


    Frage: Ich habe von einem "Qualitätssiegel" der sog. "Health on the Net Foundation" gehört. Was ist davon zu halten?

    hon.gif (2554 Byte)Eysenbach: Dies ist ein häufiges Mißverständnis: In der Laienpresse, aber selbst in Fachkreisen, wird das "HON-Logo" (Abb. rechts) leider sehr oft fälschlich als "Qualitätssiegel" oder gar als "Award" (Auszeichnung) dargestellt. Dies ist falsch!.

    Die Fakten sind

    Der Screenshot rechts zeigt, wie sich selbst unseriöse Websites schon mit dem HON-Logo schmücken.

    Den Vorschlag der HON, daß Webmaster sich selbst mit dem HON-Code "auszeichnen" dürfen, halte ich aus oben angegebenen Gründen für höchst problematisch und sogar in bestimmtem Maß für gefährlich, denn viele Konsumenten werden durch das Logo irregeführt.

    Insgesamt ist die gesamte Initiative so zu bewerten, als wenn man Autofahrern vorschlagen würde, sich eine TÜV-Plakette selbst aufs Auto zu heften, wenn sie meinen, daß mit ihrem Auto alles in Ordnung ist.

    Einen besseren "Schutz" wird das medCERTAIN Projekt - ein europäisches Bewertungssystem für Websites, gefördert von der EU - bringen. Dabei wird das medCERTAIN Qualitäts-Logo dynamisch aus einer Datenbank angefordert, und Konsumenten können auf das Logo klicken, um Informationen dazu abrufen zu können, ob etwa Beschwerden oder Bedenken bezüglich der fraglichen Website bei der medCERTAIN-Initiative gemeldet sind.

    hon-quack-kl2.jpg (59300 Byte)

    Sinnvoll am HON-Code ist lediglich, daß Webmastern in Erinnerung gerufen wird, was die ethischen Grundregeln beim Publizieren medizinischer Information sind. Das   "Selbst-Publizieren" des Logos auf den Webseiten ist ein Marketingtrick von HON, um den HON-Code publik zu machen (was die HON-Leute, die ich relativ gut kenne, auch selbst zugeben), aber auf keinen Fall ein aktiver Beitrag zur Qualitätssicherung. Ich halte dies aus obigen Gründen für sehr problematisch und publiziere daher das HON-Logo auf meinen Webseiten bewußt nicht.

    animnew.gif (2455 Byte)29.2.2000: Die ethischen Grundregeln, die für das Publizieren medizinischer Information gelten, wurden im Februar 2000 bei einem internationalen Expertenmeeting in Washington in den Räumen der WHO/PAHO, organisiert von der Internet Healthcare Coalition, erweitert und spezifiziert. Somit sind die HON-Kriterien quasi veraltet und obsolet (obwohl sie weiterhin nicht verkehrt sind!). Die neuen, Washingtoner Konsensus-Kriterien sind hier zu finden:

    e-Health Ethics Initiative. e-Health Ethics Draft Code.
    Journal of Medical Internet Research 2000;2(1):e2
    <URL: http://www.symposion.com/jmir/2000/1/e2/>

     

    medCERTAIN

    Eine "echte" Qualitätskontrolle wird in Zukunft das EU-geförderte Projekt med-CERTAIN ("Certification and Rating of Trustful and Assessed Health Information on the Net" ermöglichen, ein auf dem sogenannten PICS-Standard aufgebautes System, bei dem der Konsument von einer zentralen Datenbank ("Label-Bureau") Bewertungen von Medizinern über eine bestimmte Website abrufen kann. Der Browser fordert dabei das "Qualitäts-Label" automatisch im Hintergrund an, ohne daß der Webmaster darauf Einfluß nehmen kann. med-CERTAIN ist ein Projekt im Rahmen des linkout.gif (901 Byte)EU Action Plans for Safer Use of the Internet.

    Webmaster werden sich ebenfalls mit einem "Logo" schmücken dürfen - allerdings wird dieses Logo dynamisch aus einer Datenbank angefordert, und Konsumenten können auf das Logo klicken, um Informationen dazu abrufen zu können, ob Beschwerden oder Bedenken bezüglich der fraglichen Website bei der medCERTAIN-Initiative gemeldet sind. Wesentliche Kriterien für die Beurteilung einer Site sind o.g. Konsensus-Kriterien nach dem Washingtoner e.Health Ethics Meeting 2000.

    Webmaster werden auch Informationen über ihre Website und internen Qualitätssicherungsmassnahmen, Qualifikation der Autoren usw. bei medCERTAIN hinterlegen können. Ausserdem werden Organisationen, wie etwa medizinische Fachgesellschaften, Verbraucherverbände und Patientenselbsthilfegruppen, digital signierte Qualitätssiegel vergeben können (nach Kriterien, die diese Gesellschaften wählen können). medCERTAIN ist also hier nur eine technische Plattform und kein "zentrales Institut" welches Websites zertifiziert. Zur Bewertung der medizinischen Information wird von der dezentralen, verteilten Struktur des Internets Gebrauch gemacht - lediglich die Infrastruktur wird standardisiert und bis zu einem gewissen Masse auch zentralisiert.

    Weitere Infos siehe linkout.gif (901 Byte)medpics.org (ab ca. Juni 2000) sowie die Beschreibung des Systems im British Medical Journal und Methods of Information in Medicine.

    Literatur:


    Frage: Viele Ärzte zucken zusammen, wenn in der Praxis ein Patient mit Internet-Ausdrucken vor ihnen steht. Was raten Sie dem Patienten?

    Eysenbach: Patienten sollten hier mit angewandter Psychologie vorgehen und auch Verständnis für den Arzt aufbringen. Viele Medizinerkollegen, insbesondere der älteren Generation, sind es gewohnt, die Führungsrolle inne zu haben, und sehen das traditionelle Arzt-Patientenverhältnis auf den Kopf gestellt, wenn der "überinformierte" Patient plötzlich meint, alles besser zu wissen. Hinzu kommt eine Unvertrautheit mit dem Medium Internet – ein Großteil der Ärzte hat noch nie im Internet "gesurft" und kennt nur die Berichte aus den Massenmedien über dubiose Qualität von medizinischer Information auf dem Internet. Zudem ist die Medizin heute so komplex geworden, daß kein Arzt mehr auf allen Gebieten gleichermaßen informiert bleiben kann – oftmals kann es also durchaus sein, daß der Patient Spezialist in eigener Sache ist und etwa von neuen Forschungsergebnissen oder klinischen Studien gehört hat, die dem Arzt noch nicht begegnet sind. An diese veränderte Arzt-Patientenbeziehung müssen sich beide Seiten ersteinmal gewöhnen.

    Patienten sollten sich durch eine ablehnende Haltung des Arztes – die oft nur auf eigene Unsicherheit oder auch Zeitmangel zurückzuführen ist- nicht abbringen lassen, soviel wie möglich über Ihre Krankheit von so vielen Stellen wie möglich einzuholen und den Arzt danach fragen.

    Einige Verhaltensregeln für Patienten:

    Wenn Sie von Ihrem Arzt Informationen haben wollen, sind Sie im Recht. Es ist eine fundamentale Aufgabe Ihres Arztes, Sie aufzuklären und Ihre Fragen zu beantworten. Merken Sie sich aber auch, daß die moderne Medizin keine "harte" Wissenschaft ist, daß es auf viele Fragen keine eindeutige Antworten gibt, und zudem die Medizin ständig im Fluß ist. Es ist legitim, Ihren Arzt nach der wissenschaftlichen Evidenz für sein Handeln zu fragen, denn oft handeln Ärzte "aus Tradition" ohne daß es für eine bestimmte Therapie überzeugende Studien gibt. Wenn er Ihnen diese "Beweise" schuldig bleibt, oder wenn Sie Unterschiede in der Praxis der Medizin oder von zwei Seiten verschiedene Lehrmeinungen hören, heißt das aber nicht, daß das am Arzt liegt bzw. sich mindestens einer von beiden irrt – denn leider ist es in der Medizin oft so, daß es zu einer bestimmten Frage zwar hunderte von Studien gibt, es aber noch keine systematische "Zusammenschau" dieser Einzelstudien gibt, die eine eindeutige Schlußfolgerung ermöglichen würde.

    Vertrauen Sie Ihrem Arzt, aber vertrauen Sie ihm nicht blind. Vertrauen Sie auch Ihrem eigenen Urteil, aber ziehen Sie auch in Betracht, daß Sie sich auch irren können, insbesondere wenn Ihnen dies spätestens der zehnte Arzt bescheinigt.

    Nutzen Sie die Möglichkeiten des Informationszeitalters und der neuen "patienten-orientierten" Medizin, aber seien Sie sich auch bewußt, daß Sie dadurch als Patient auch mehr eigene Verantwortung übernehmen.

     


    Frage: Wie sieht die Zukunft der Medizin im Internet aus?

    Eysenbach: Die Ärzte müssen Ihre Zurückhaltung gegenüber neuen Medien aufgeben und auf breiter Front den Schritt in den Cyberspace wagen, um das Feld nicht völlig den Kurpfuschern zu überlassen. Daß jeder Automechaniker mehr über das Internet weiß als der durchschnittliche Arzt, ist ein Skandal. Hier müssen wir natürlich auch bei der Medizinerausbildung ansetzen, was wir in Heidelberg schon tun, indem wir im Kurs Sozialmedizin die jungen Medizinstudenten bereits im ersten Semenster für dieses Thema sensibilisieren. Das Problem ist aber die alte, konservative und wenig computer-aufgeschlossene Ärztegeneration.

    Auch die Berufsordnung muß liberaler werden, insbesondere was die medizinische Beratung im Internet durch Ärzte anbelangt. Auch, wenn es richtig ist, daß Diagnostik und Therapie immer eine leibhaftige Arzt-Patientenbeziehung voraussetzt und echte medizinische Fragen nicht per email gestellt und beantwortet werden sollten, ist es auf der anderen Seite doch so (wie unsere eigenen Untersuchungen gezeigt haben), daß die Mehrzahl der Patienten gar keine diagnostischen oder therapeutischen Auskünfte haben will, sondern es geht in erster Linie im Alltagsfragen von chronisch Kranken. Es ist eigentlich nicht einzusehen, warum Ärzte diese Art von Anfragen nicht beantworten und als Beratungsleistung abrechnen dürfen - Vorraussetzung auch hier der digitale Arztausweis, Einsatz von Email-Verschlüsselungstechniken und eine Qualitätssicherung.

    Was in Deutschland fehlt und wir mit unserer Forschungsgruppe Cybermedizin am Institut für klinische Sozialmedizin der Uniklink Heidelberg – wenn die Mittel und Sponsoren gefunden sind – etablieren wollen, ist eine Art "virtuelles medizinisches Zentrum", welches auch als "Clearinghouse" zur Bewertung medizinischer Information im Internet dient und gleichzeitig als Anlaufstelle für "e-Patienten" mit Fragen dienen kann.

     


    Frage: Bis Ihre Vision vom "virtuellen medizinischen Zentrum" in Erfüllung geht - wo bekomme ich heute weitere Informationen?

    Eysenbach: Bis es soweit ist, bin ich an Feedback jeglicher Art von Patienten, die negative oder positive Erfahrungen mit Medizin im Internet gemacht haben, äußerst interessiert (mailto:ey@yi.com). Aus wissenschaftlichen Gründen sammle und interessiere ich mich für Fallberichte von Patienten, die nachweisbar durch Fehlinformation oder Medikamtenbestellungen geschädigt wurden, oder für umgekehrte Fälle –schreiben Sie mir Ihre Story!

     


    (c) Gunther Eysenbach, Arzt, Forschungsgruppe Cybermedizin am Institut für Klinische Sozialmedizin der Universitätsklinik Heidelberg

     

    home-brt.gif (1287 Byte) Hompepage G. Eysenbach