Patienten stürmen die virtuellen Arztpraxen
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Hamburg (dpa) - Während die Ärzte in Deutschland seit Monaten gegen die
Gesundheitsreform protestieren, nehmen viele Patienten ihr Schicksal selbst in
die Hand. Statt sich mit der kassenärztlichen Standardversorgung abzufinden,
fragen sie in virtuellen Arztpraxen Experten in aller Welt um Rat - und zahlen
dafür keinen Pfennig.
«Viele Patienten haben den Eindruck, von ihren Ärzten nicht mehr optimal
beraten zu werden und suchen deshalb im Internet selbst nach Informationen
über ihre Krankheit», meint der Cybermedizin-Experte und Arzt Gunther
Eysenbach. Täglich wenden sich Tausende Patienten mit Wehwehchen oder
auch schweren Krankheitssymptomen an die «Cyberdocs».
Vor allem chronisch Kranke, die oft eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich
haben, erhoffen sich die lang ersehnte Hilfe aus dem weltweiten Netz. «Sie
wollen das Gefühl haben, selbst etwas zu unternehmen», sagt Eysenbach. Nicht
immer sei dieser Weg allerdings sinnvoll.
Eysenbach, der sich an der Universität Heidelberg mit der Cybermedizin
beschäftigt, machte den Test: Unter dem Namen «Peter» schrieb er eine E- Mail
an 58 medizinische Beratungsangebote im Internet. «Peter» schilderte den
Ärzten die konkreten Symptome einer akuten Gürtelrose. Eine Antwort erhielt
der fiktive Patient allerdings nur von jedem zweiten «Cyberdoc». 17 der 29
Antwortenden stellten die richtige Diagnose. 27 rieten ihm, zum Arzt zu gehen.
Fast alle Antworten kamen mit ein bis zwei Tagen Verzögerung. Teilweise
vergingen sogar bis zu zehn Tage. Bis dahin hätte «Peter» schon tot sein
können.
Eine Ferndiagnose dürfen Ärzte ohnehin nicht stellen. Erlaubt sind allenfalls
unverbindliche Stellungnahmen. Das Interesse an der medizinischen Beratung ist
enorm. Allein die Seiten des Online- Gesundheitsangebotes «Lifeline»,
(www.lifeline.de) einem Tochterunternehmen der Bertelsmann AG, werden
monatlich von mehr als einer Million Menschen besucht. Dort können
Ratsuchende ihr medizinisches Problem per E-Mail schildern. Die Frage
erscheint in einem Diskussionsforum und wird dann entweder von Fachärzten
oder von Leidensgenossen beantwortet.
«Viele Patienten haben ernste Probleme. Dann können wir auch nur einen
Arztbesuch empfehlen», sagt der Berliner Psychiater Thomas Kasten, der die
Fragen im Forum Psychologie beantwortet. Geld bekommt er für seinen Service
nicht, die Anfragen beantwortet er in seiner Freizeit. «Mich interessiert einfach
das Medium», sagt Kasten.
Nicht immer werden die Fragen an die «Cyberdocs» allerdings von Fachärzten
beantwortet. Selbsternannte «Wunderheiler» versuchen vor allem Krebspatienten
Geld aus der Tasche zu locken. «Die nutzen das Medium zum
Geschäftemachen», meint Eysenbach. Dringend nötig ist aus seiner Sicht eine Art
digitales Gütesiegel für Ärzte. «Nur so können die Patienten sehen, ob sie
wirklich von einem Facharzt beraten werden». Ein digitaler
Arztausweis, mit dem sich Ärzte im Internet ausweisen können, sei bereits in
Arbeit. Schon jetzt biete das Internet dank zahlreicher informativer Homepages
Hilfesuchenden aber große Chancen. «Die Patienten haben durch das Internet
den Zugang zum gesamten Expertenwissen der Welt.»
[22.7.1999 08:25]